B. Schmid-Siegel (Uni-Klinik f. Psychiatrie/Psychotherapie/Abt. Sozialpsychiatrie) [18. 10. 2010] Umgang mit Menschen m. seelischen/koerp./soz. Problemen spiegelt ges. Bed./Werteordnungen weniger einfach als in "Organmedizin" Johann Chrisitan Reidl 1803: "Rhapsodieen ueber die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerruettungen" WHO-Definition: vollst. psych./phys./soz. Wohlbefindens Psychiatrie: Arbeits-, Beziehungsfaehigkeit -> Integrations-/Anpassungsfaehigkeit psychische Krankheit = nichtentsprechen d. kult./moral./jurist. Anforderungen? -> auch bei Pensionsbegruendungen psychische Gesundheiteit: * psychiatrischer Ansatz: fehlen von psychopath. Auff. & humanist/pyschoanalyt: Ideal d. indiv. Selbstverwirklichung * soziologisch: statist. Normverteilung sozialen Verhaltens (Normalverhalten nicht unbed. asympt.) * system. ansatz: Realitaet - Interaktion/Regulation Zuordnung von SYmptomen: * uebernatuerlich (DaemonInnen, GoettInnen, Karma) * somat. Ursachenzuschreibung (Ungleichgew. d. Saefte, Stoerung d. Gehirnstoffwechsels) * indiv. Ansaetze: verdraengte Konflikte, unguenst. Annahmen ueber Welt, komplexe Traumatisierung) * krankmachende Lebensumstaende (gestoertes Familiensystem, kranke Gesellschaft) Geschichte d. Psychiatrie: * 12. Jahrhundert arab. Raum (Damaskus, Kairo, Granada) - Pflege und Wohlwollen gegen psych. Kranke * Verwahrungshaeuser (London: Bethlehem Hospital "Bedlam") * 15. - 17. Jh: Inquisition, Verbrennen, FOltern, ... * 17./18. Jh: Spitaeler (Paris: Hopital general/Salpetriere, England: Workhouses, ...) * Wien: Narrenturm 1784 Joseph II. als Krankenhaus definiert, nach Architekt Isidore Canevale, 2 p, Wasser in Stockwerken, Warmluftanlage (aber Gestank), oft besichtigt - galt als fortschrittlichstes KH EUropas ... * Philippe Pinel (1745 - 1826) gewaltfreie Behandlung - Ausbildung d. Betreuenden * 19. Jh: Psychiatrie als eigenst. Wissenschaft, Aussbau d. grossen Anstalten, 1. Frauenbewegung - Hysterie, Jean-Marie Charcot - Amphitheater, zahlende Gaeste; Blanche Wittmann beruehmteste Patientin -> Assistentin v. Marie Curie * Steinhof 1907: NOE Landesheil- und Pflegeanstalt, Kirche, Theater, Ateliers ... -> in Zwischenkriegszeit heruntergekommen, WW2 Toetungsanstalt, 4500 starben 1941 - 1945 an Hunger/Infektionen * 68er-Bewegung: Anti-Sychiatrie, 2. Feministische Bewegung * psychische Leiden verursacht durch Armut, Unterdrueckung, Missbrauch, Gewalt, Deprivation; Psychiatrie: Teil des gesel. Gesamtgefueges; Ges,/Psychiatrie etikettieren Opfer m. psychiatr. Diagnosen Antipsychiatrie-Bewegung: Fortsetzung d. krankmachenden Machtstrukturen -> Ausgrenzung -> Reformen, Dezentr;, Rechtssituation (Sachwalterschaft 1984 4 Bereiche, Unterbringungsgesetz 1991: 2 GutachterInnen) feminist. Wissenschaftskritik: gleichberecht. Zugang zu Ausbildung/Forschung - Kritik: Androzentrismus/Seilschaften -> Universalitaets-/Objektivitaetsanspruch, spez. im med. Bereich Studien: breiter Ausschluss von Frauen (Menstruationszyklus, Schwangerschaftsrisiko) aus Kostengruenden - physiolog. Aehnlichkeit -> Ergebnisse v. Maennern auf Frauen angewandt maennl. Stereotyp: fachl. Kompetenz/Durchsetzungsfaehigkeit, weibl.: Waerme/Ausdrucksfaehigkeit Je mehr eine Person im Vergleich im Verhalten vom Rollenstereotyp abweicht, desto eher Aufnahme auf Psychiatrie "Psychiatrie von maennl. Weltkonzept gepraegt -> mehr Frauen aufgenommen/Doppelstandard d. Psychiatrie" -> Gender-Forschung -> Epidemiologie Schizophrenie: Oestrogenschutz? * Mehr Maenner, mehr/laengere stat. Aufenthalte, verlieren frueher Alltags-/Soizalkompetenz, mehr Alkohol-/Drogen-/Nikotinabusus (Neuroleptikaabbau?), haeufiger Aggressionshandlungen; Alter: Nachlassen d. Positivsymptomatik * Frauen: spaetere Erkrankung, besserer Verlauf, bessere Compliance, mehr fam. Unterstuetzung, aber late onset: nach Menopause zweiter Erstmanifestationsgipfel (Oestrogenschutz?), im Alter Verschlechterung d. Symptomatik Depression: * f:M 1.5 - 2 * kein Unterschied f:m bis Pubertaet * Reproduktionsperiode: Komorb. Angsterkrankungen Artefakthypothese: suchen haeufiger Hilfe soz. Faktoren Vulnerabilitaet in Reproduktionsphase (PMDS praemenst. dysphoriesyndrom) Neurotische/Belastungs-Stoerungen Essstoerungen f:m 10:1, m im Zunehmen, somatoforme Zustaende v. a. bei Frauen Lebensqualitaet Depression: Maenner: von Frauen verlassen, Frauen: verheiratet, Kinder, Stress soz. Risikofaktoren SES - f > m (in .at bei gleicher Taetigkeit 25 - 30 % geringerer Verdienst) 17 % d. AlleinerzieherInnen unter Armutsgrenze reale Armut f:m = 2:1 Vereinbarkeit von Beruf/Familie 20 % von Frauen in Beziehung in Gefahr v. Gewalt, 90 % Gewalttaten in Familie Differenzierung Psychiatrie heute: * Spezialisierung * Differenzierung -> Versorgungslandschaft vielseitiger Dezentralisierung der stat. Psychiatrie Film ueber Gugging -> Verlust von Infrastruktur * Medizinalisierung d. Psychiatrie -> PatientInnenrolle * sozialpsychiatrisch Ansaetze verlieren an Bedeutung psychiatrischer Sektor veraendert Zustaendigkeit: chron. Zust./Behinderungen werden depsychiatrisiert - in Verantworung sozialer/pflegerischer Dienste verschoben * Aufenthaltsdauer gering (akut -> Entlassung) * Unterbringungen aber im Ansteigen -> Anwendung von Zwang