engstrom1998 Eric J Engstrom Die Heidelberger psychiatrische Universitaetsklinik am Ende des 19. Jahhunderts: Institutionelle Grundlagen der klinischen Psychiatrie In: Jahrbuch fuer Universitaetsgeschichte, Band I, 1998, Hg. Rüdiger vom Bruch, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1998 ISSN 1435-1358 49-68 49 "Zu den Stationen der Entwicklung des Berufsstandes [der Psychiatrie] werden ueblicherwese gezaehlt: die Gruendung d. "Allg. Z. f. Psychiatrie" 1844, die Entst. d. Vereins dt. Irrenaerzte in der ersten Haelfte der 1860er Jahre, der rapide Ausbau eines Systems von psychiatrischen Anstalten und die Aufnahme der Psychiatrie als obligatorisches Pruefungsfach 1901." -> Staerkung der ihnen zugestandenen Kompetenzen aber: Umverteilung berufsinterner Zustaendigk. (Universitaetspsychiatrie gewinnt gegenueber Anstaltspsychiatrie zunehmend Forschungs- und Ausbildungsagenden (REF Wilhelm Griesinger, "Ueber Irrenanstalten und deren Weiter-Entwicklung in Deutschland", in: Archiv f. Ps. u. Nervenkr. 1, 1868, 8-43) 50 Sueddt. - bes. Kraepelin in Heidelbergg Zaehlkarten: meist wegen Quantitaet und Verlaufsdarstellung gelobt, "Doch diese beiden Faktoren, Krankheitsverlauf und Quantitaet der Zaehlkarten, waren keine historisch kognitiv unabhaengigen Größen." - klinische Bedingungen relevant: Fehde Anstalts-, Uni-Psychiatrie 51 Klinik Doppelfunktion (oeff. Heilanstalt, akad. KH) Drei Versorgungsbezirke mit Kliniken, dazu zwei Pflegeanstalten ohne Aufnahmest. zur Entlastung 52 Problem: Stockungen durch Ueberfuellung der Aufnahmeanstalten (Buerokratie, Typhusausbrueche -> Schliessungen, rasch steigende Anstaltsbevoelkerung) 53f Kraepelins Reorganisation der H. Klinik: * zahlungskraeftigere Pat. -> Finanzen * Protest gegen Aktenueberfuehrung (NOTE) 1891 zur Besseren Verwaltung und aus wissenschaftlichen Interessen -> Akten bleiben in Anstalt, Kopien fuer Pflegeanstalten angefertigt * 1892 Aufloesung d. Abt. f. halbunruhige Pat., ** Einfuehrung von experimentalpsychologischen Untersuchungen ** Wachabteilung (-> Beobachtung!) dadurch wwniger Isolierungen notwendig, "groessere Konzentration des [Waerter]dienstes" -> Haelfte in Wachabteilungen, davon ein Drittel im Bett 56 beruft sich mit Wachabteilungen auf Griesingers "Stadtasyl", sieht seine Klinik als "Heilanstalt"; Bettbehandlung "geradezu als Heilmittel" 57 Aufnahmeerleichterungen: "Kraepelin war, wie so viele seiner klinischen Zeitgenossen, davon ueberzeugt, daß die moeglichst fruehe und rasche Aufnahme von Patienten in eine psychiatrische Anstalt die Behandlung der ersten, leichten Stadien geistiger Erkrankungen ermoeglichte und dadurch die Heilungschancen erheblich steigerte.", dagegen erregte/gefaehrliche Kranke -> Anstalt; StudentInnen sollten Fruehphasen sehen, um diese in ihrem Berufsleben spaeter zu erkennen 58 K. fordert die Moeglichkeit freiwilliger Aufnahme von Pat.; rasche Ueberfuehrung psych. auff. Straft. von Polizei 59 Anstaltspsychiater fordern dagegen Beibehaltung der AUfnahmerichtlinien und Verkleinerung d. Einzugsgebiets, um Druck auf Heidelberger Klinik zu verringern 60 schnelle Evakuation in Emmendinger/Pforzheimer Anstalten stockend, Kraepelin fuerchtet 1893 "fuer den Betrieb unserer Klinik die schwersten Schaedigungen", droht, Neuaufnahmen abzuweisen 1896 "Ueberfuellung [hat] vollkommen unertraegliche Grade" erreicht, Streit mit großherzoglichem Verwaltungshof` 61 1861 Antwort: nur Verkleinerung d. Aufn.bez. erfolgversprechend, da auch Anstalten ueberfuellt 62 K. fordert die "voellige Losloesung der Klinik aus dem Rahmen des staatlichen Versorgungssystems"; sah "Ende der 1890er" die Bedingungen fuer seine wissenschaftliche Arbeit nicht mehr gegeben", -> Muenchen 1903! 63 Probleme Kraepelins: * verspaetete Aufnahme -> Fruehphasen schlecht dokumentierbar * Ueberfuellung -> Ueberfuehrung in Landesanstalten -> Spaetphasen nicht oder nur mit großen buerokratischen Huerden dokumentierbar "Auf dem Hintergrund dieser klinischen Verhaeltnisse gewinnen wir eine neue Perspektive auf Kraepelins wissenschaftliches Forschungsprogramm, welches letztlich zu seiner baehnbrechenden Unterscheidung von manisch-depressivem Irrsein und dementia praecox fuehrte. Dieses Forschungsprogramm setzte sich als Ziel die 'Schaffung einer zuverlaessigen klinischen Formenlehre' und die Bildung klar voneinander abgegrenzter Krankheitseinheiten.[fn 57 E Kraepelin 'Ziele und Wege der klinischen Psychiatrie' in AZP 53 1897, 840; cf. Lebenserinnerungen 67" "Zu deisem Zweck knuepfte Kraepelin an die Lehren Karl Ludwig Kahlbaums an und versuchte, durch die Heranziehung diachronischer Kriterien effektive Mittel zur Deutung klinischer Krankheitszeichen und zur 'praktischen Beherrschung des Erfahrungsmaterials' zu gewinnen[fn 58 K Ziele u Wege 840 wie oben, siehe auch Berrios und Hauser, 815-6]. Kraepelin glaubte, durch eine genaue Beachtung der Entstehung, des Verlaufs und des Ausgangs eines klinischen Falles 'das Wesentliche und Grundlegende des einzelnen Krankheitsvorganges' deutlich erkennen zu koennen.[fn 59 E. K. Z. u. W. d. k. Ps. 841; 5. Auflage d. Lehrbuchs: 'die Bedeutung der äußeren Krankheitszeichen [hat] hinter den Gesichtspunkten zuruecktreten muessen, die sich aus Entstehungsbedingungen, aus Verlauf und Ausgang der einzelnen Stoerungen ergeben haben. Alle reinen Zustandsbilder sind damit aus der Formenlehre verschwunden.' Lehrbuch, V, Leipzig 1896, 5. A.) 64 Zaehlkarten ("planmaessiges Sammeln klinischer Beob.") aus Krankengeschichten erstellt 65 (Zitat nach Kolle REF Kraepelin und Freud 23) "Dabei liess er sich sehr wenig helfen, wolltr alles selbsr machen, damit ihm ja nichts entginge. In der Art und mit dem Fanatismus, wie er psychiatrischen Dingen nachspuerte, war er wie ein Sammler [...]" bis 1896 1000 Faelle/Zaehlkarten - f. K. zu wenig, "um sichere Aussagen ueber KH-Einheiten zu ergeben, geschweige denn, um klare Grenzen zwischen den Formen ziehen zu koennen[fn 65 Kritik Eduard Hitzigs an geringer Zahl in K.: Ziele und Wege der klinischen Psychiatrie, 844/847]" K. versucht Beobachtungen durch Besuche in Anstalten zu erweitern, aber durch SPannungen (Aufnahmepraxis s. o., Ueberfuellung) immer seltener moeglich 66 Diagnosen und Prognosen! (fn 73: Z. u. W. S 842) -> Therapie, Prognose, wissensch. Lehre, wissensch. Anerkennung des Berufsbilds, "lehrbare Prognostik" -> Anerkennung/Legitimation als Wissenschaft [844] Kritik an K.: Friedrich Jolly bekritelt Rueckschluss von Prognose auf Diagnose (Widerspruch mit allg. pathol. Grundsaetzen), aber erkennt Bedeutung der Prognose an [fn 68 ebenso Hitzig; Hubert Grashey "wohlwollendes Abwarten"; Jolly 3 Jahre spaeter angesichts eines Vortrags K.s ueber "die klinische Stellung der Melancholie": haelt das Prinzip, "die verschiedenen Formen nach der Heilbarkeit resp. Unheilbarkeit zu unterscheiden, fuer verfehlt. Es wuerde dieses Verfahren in der gesammten[sic] uebrigen Klinik nicht angewandt", darauf K: Prognose "nicht das einziges Criterium f. d. Classifikation sei, aber in practischer Beziehung das allerwichtigste." 67 Diagnosestellung und Prognostik anfangs innerhalb der ersten vier Wochen, ab 1893 (Ueberfuellung!) Prognose "sofort nach der ersten Untersuchung" (fruehe Versetzung moeglich - aber z. B ein Fall einer Patientin, die in die falsche Anstalt versetzt wird) Zusammenfassung: durch Zugriff auf Aufnahmeakten, Wachateilung, grosszuegige Handhabung der Aufnahmepraxis (-> mehr Faelle!), beschleunigte Versetzung in Anstalten (-> weniger Ueberlastung) Erhoehung der Durchgangsfrequenz und Schaffung einer diagnostisch "leistungsfaehigeren" Klinik 68 Grenzen in Heidelberg -> ... (Muenchen)