August Forel Rueckblick auf mein Leben Copyright 1935 by Europa-Verlag Zuerich Universitaetsjahre in Zuerich 45 Zugleich mit uns erschien die allererste Studentin, eine Russin, Fraeulen Suslowa, an der Zuercher medizinischen Fakultaet. Sie war zuerst recht schuechtern. Bald nach ihr kam aber eine Englaendering, Miß [sic] Frances Elisabeth Morgan, die mit echt englischer Ungeniertheit auftrat und mit Zaehigkeit sich darauf versteifte, den Kursus gruendlich durchzumachen. Als der gute alte "Knochenmeyer", wie der Anatomieprofessor Hermann Meyer allgemein genannt wurde, Bedenken erhob und die Befuerchtung aussprach, vieles in einem anatomischen Praktkum moechte fuer Damen nicht geziemend und anstaendig erscheinen, antwortete sie ihm mit souveraener SIcherheit: "Herr Professor, es ist viel unanstaendiger und auffallender, hier Ausnahmen zu machen. Wir wollen ohne Einschraenkung an den Uebungen [sic] teilnehmen." Einer solchen englischen Entschlossenheit konnte der alte Meyer nicht widerstehen, er mußte nachgeben. Miss Morgan trat allein inmitten aller Studenten die anatomischen Praeparieruebungen an. Das kam uns allerdings zuerst etwas komisch vor, aber der Ernst, die vornehme Ruhe und die souveraene Ueberlegenheit [sic] dieses merkwuerdigen Maedchens noetigte uns allen bald eine solche Achtung ab, daß keiner es wagte, irgendeine sarkastische oder taktlose Bemerkung zu machen. 52f sexuelle Frage: besucht das einzige Mal in seinem Leben ein Bordell, trinkt Likoer "und gingen so keusch fort, wie wir gekommen waren. Das st die getreue Schilderung des einzigen Besuches, den ich in meinem Leben einem Bordell abstattete." 53 "Man darf nicht glauben, daß meine ehemalige Schüchternheit völlig gewichen war. Etwas Neues oder Ungewohntes zu unternehmen, fiel mir noch immer schwer, zum Beispiel war mir das öffentliche Sprechen en Greuel, ja fast unmöglich. Ich brachte es nicht einmal fertig, meine Quästirrechnnung vor dem Verein der franz"osischen Schweizer vorzulesen, sondern blieb dabei stecken. Höchstens glückte mir der Vortrag von komischen Gassenhauern, obwohl mein Gesang an Reinheit stets ungemein zu wünschen übrig ließ." "In die Zeit meines Studiums in Zuerich fiel auch die große, mehrere Jahre dauernde radikaldemokratische Bewegung, die schließlich (1868) durch Volksabstimmung zum Sturz des alten 'liberalen Systems', dessen geistiges Haupt der bedeutende Dr. Alfred Escher war, sowie zur Einfuehrung einer neuen demokratischen kantonalen Verfassung fuehrte, worauf 1869 die Wahl einer neuen, demokratischen Regierung erfolgte. Gefoerdert wurde diese friedliche Revoluton durch die verleumderischen Pamphlete des beruechtigten eitlen Dr. Friedrich Locher, den ich selber einmal auf einem Schimmel an der Spitze eines Fackelzuges daherreiten sah, mit dem seine Parteigenossen ihn aus dem Gefaengnis, wo er eine Strafe abzusitzen hatte, abholten. Bald darauf machte sich Locher durch sein Benehmen in Zuerich unmoeglich. Diese politischen Ereignisse in Zuerich waren den studierenden Frauen guensitg, da die neue Regierung fuer das Frauenstudium eintrat. Miss Morgan, die ihre Studien rasch beendet hatte, doktorierte damals und lud mich zu ihrem Doktorschmaus ein, den sie, konsequent in allem, nicht auslassen wollte. Sie hatte bei Biermer ihre Dissertation ueber progressive Muskelatrophie gemacht, war aber zu einer der Anschauung des Lehrers diametral entgegengesetzten Ansicht gekommen, indem sie, und zwar mit vollem Recht, diese Stoerung auf Grund der Lehre englischer und anderer Autoren als organische Krankheit des Nervensystems ansah. Biermer aber wollte damals eine Muskelkrankheit daraus machen. Der leidenschaftliche Biermer geriet ueber den Widerspruch seiner Schuelerin in Zorn und erklaerte, er werde selbs ihre Dissertation in der damals ueblichen oeffentlichen Disputation angreifen. Die Aula war gedraengt voll bei dieser ersten weiblichen Promotion. Biermer hielt Wort und sprach 54 25 Minuten lang gegen Miss Morgan. Ich sehe noch die kuehle Ruhe der letzteren, die sich, waehrend Biermer sprach, bestaendig Notizen machte und ihn dann in einer halbstuendigen Rede derart widerlegte, daß er genug bekam. Das war ein denkwuerdiger Tag." ethische Luege bei toedlichen Krankheiten 55f Einsatz bei Hohenlohes "Johannitern" angesichts der Belagerung Paris' und anderer Staedte durch die Deutschen: "Es war im Januar 1871. Ich schloß mich natuerlich mit verschiedenen franzeosischen Schweizern dieser Expedition an. Sogar eine Studentin, Frau Bokowa, sowie ein tuerkischer Untertane, ein Armenier, begleiteten uns, und ich sehe noch den letzteren, wie er im Laufschritt neben dem Wagen, der uns und die Verbandstoffe trug, herlief."` 63 Diss bei Meynert ueber Sehhuegel 64f Vermieterin: "'Ach, Herr Doktor, es ist so langweilig, wenn man einen kranken Mann hat, mein Mann ist naemlich herzkrank.' Dabei warf sie sich auf mein Sofa und machte so einladende Gebaerden, daß die Herausforderung gar zu unverbluemt war. Ich hatte indessen Besonnenheit genug, ihr aeusserst kuehl zu begegnen, so daß sie merkte, es sei bei mir nichts zu holen, und sich entfernte. Ueberhaupt fand ich die Sitten Wiens zu jener Zeit recht 'ungeniert'. Als ich, der Uebelstaende im Hause der Frau F. ueberdruessig, nach einer andern WOhnung mich umsah, wurden mir fast ueberall, wo ich anfragte, Zimmer angeboten, zu denen der Weg durch den Schlafraum der Vermieterin fuehrte. ls ich ferner bei Besichtigung eines Zimmers nach dem Zweck eines Doppelkissens im Bett mich erkundigte, erhielt ich von der Frau, die mich fuehrte, den laechelnden Bescheid: 'Das ist, wenn sich der Herr Doktor eine vergnuegte Nacht bereiten will.' Daß Wien voll Syphilis war, wurde mir bald gneug klar, und ebenso, daß man hier auf Schritt und Tritt Weiber aller Art und Stellung zu jedem Entgegenkommen bereit finde." 65 "In der praktischen Psychiatrie und in den anderen Faechern hatte ich in Wien nicht viel gelernt. In der Abteilung Meynerts herrschte große Unordnung und ein bedenklicher Schmutz, so daß sie am wenigsten zu laengerem Bleiben verlockte." 69 Irrenanstalt Paris, Dir. Dagonnet laesst Neger anbinden, Frage nach "No Restraint": "Die franzoesische Wissenschaft anerkennt kein 'No Restraint'" "Geradezu angeekelt fuehlte ich mich von der Hurenwirtschft der Pariser Studenten. Meine Landsleute fuehrten mich in Kneipen, wo Dirnen mit den Studenten verkehrten und ausschliesslich Zoten und Unflaetereien das Gespraech bildeten. Das ganze Treiben war womoeglich noch gemeiner und schmutziger als in Wien. Hatte ich mich nun dort jeden sexuellen Verkehrs enthalten, so spuerte ich in Paris auch ncht den mindesten erotischen Reiz jener Gesellschaften." 77 1876 bei Gudden in Paris erstmal Kontakt mit "Alkoholfrage" Antwort an M de Coleville ueber "Trinken in Bayern": 78 "Voller Vorurteile, wie ich war, hatte ich ihm ziemlich ironisch geantwortet und beahuptet, der Alkoholismus komme in Bayern, wo man nur Bier trinke, kaum vor!" 81 ueber seine Habilitationsverteidigung: "... 2. Saemtliche Eigenschaften der menschlichen seele koennen aus Eigenschaften der Seele hoeherer Tiere abgeleitet werden. Letztere These wurde vom alten, frommen Anatomieprofessor Bischof in Muenchen, dem Gegner des Frauenstudiums [NOTE, FEM], heftg angegriffen der uebrigens meine anatomischen Arbeiten sehr anerkannte." Nach Habil: Trinkt Cassisschnaps als Beruhigungsmittel vor seiner ersten Vorlesung, zu der auch sein Vorgesetzter Guddens kommen will, "Ich stammelte meine Vorlesung, so gut es ging, herunter. In deren Verlauf merkte ich bald das Nachlassen der stimulierenden Wirkung des Schnapses, der mich nun viel mehr laehmte als anfeuerte, so daß ich mich wohl huetete, ihn zum zweitenmal zu Hilfe zu nehmen." 88 Hitzigs Nachfolger in Burghoelzli: zu jung fuer Direktonsposten, aber hat Vetorecht f. Dir. 99 Ueber seinen Vorgaenger Hitzig in Burghoelzli: "Hinwiederum war er ein richtiger Jude, mit der unverbesserlichen Eitelkeit seiner Rasse behaftet." SEM "Hitzig hatte noch eine Anzahl tuechtiger und redlicher Pflegerinnen um sich, unter welchen ich besonders Fraeulein Barbara Meyer erwaehne, deren hoher Intelligenz und Redlichkeit ich spaeter ungemein viel zu verdanken hatte." 117 "Ich vertrat damals den Standpunkt (und vertrete ihn heute noch), daß Frau und Mann in allen DIngen gleichberechtigt sein sollen, und daß in den innigen Angelegenheiten des Glaubens keiner dem anderen etwas vorzuschreiben habe. Folglich wurde die Sache sehr bald unter uns erörtert. Bei Fraeulein Steinheil war der Glaube eine reine Gefuehlssache und hatte keine Spur von dogmatischem Anstrich. Dadurch wurde die Loesung der Schwierigkeit sehr erleichtert, und es wurde beschlossen, ihrem befreundeten protestantischen Pfarrer in Muenchen mitzuteilen, daß ich fuer meine Person unter keinen Umstaenden irgendein Glaubensbekenntnis abgeben koenne und werde." 121 "Eine bestellte Amme erwies sich als unbrauchbar, so daß man zur künstlichen Ernährung mit Heumilch schreiten mußte." HIER 160 Im Sommer 1892 hatten wir mehrere interessante Besuche; zuerst den des genialen Juden, Professor Lombroso, mit dem ich mich befreundete. Die kolossale Phantasie dieses mannes hat zwar viele Sprünge gemacht und war an Irrtümern und Uebertreibungen reich, aber er hat die Wissenschaft und das Recht durch viele Anregungen ungemein befruchtet." "Ferner bekam ich noch den Besuch der hervorragenden Frau Professoer Déjerine aus Paris, die als Aerztin mit ihrem Mann zusammen ein großes hirnanatomisches Buch herausgab. Sie zeigte großes Interesse an unserem Laboratorium und an unseren Arbeiten." Bild zwischen S. 160-161: AERZTLICHER MORGENRAPPORT 1889 Dr Delbrück, Forel, Dr. Bach, Frl. Dr. Gottschall 162 "Fräulein Pauline Gottschall, eine Abstinentin, wurde zur Volontärärztin ernannt. Sie war von heiterem Gemüt, und ihre starke Körperkraft erlaubte ihr, die bisher von Aerztinnen gemiedene männliche Abteilung für Unruhige zu betreten. Dabei erwies es isch, daß die aufgeregten Männer viel weniger erotisch sind als die aufgeregten Frauen, so daß Fräulein Gottschall ohne jede Schwierigkeit die genannten Abteilungen betreuen konnte." 163 "Eines Tages hatte ich eine sonderbare Ueberraschung. man brachte mir eine schöne Torte, deren Absender ich nicht kannte. Als meine Frau sie mir anschnitt, fanden wir darin Morphiumspritzen und viele Morphiumpulver versteckt! Da ging mir ein Licht auf. Wir hatten einen Morphinisten in der Anstalt. Weitere Unteruchungen über den Absender ergaben, daß eine Dame diese Gegenstände in der Konditorei hineingesteckt hatte; doch war die Adresse, statt an den Patienten, aus Versehen an mich geschrieben worden!