gradmannschlich -> Roelcke? Christoph Gradmann/Thomas Schlich Strategien der Kausalitaet - Konzepte der Krankheitsverursachung im 19. und 20. Jahrhundert Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1999 ISBN 3-8255-017306 ISSN 0948-2739 (Neuere Meden und Wissenschaftsgeschichte - Quellen und Studien, Hg. Wolfgang U. Eckart, Bd. 5) Einfuehrung (Thomas Schlich) 16 Virchov 1849 in "politische[r] Aerztegeneration", interessierte sich fuer "nicht-notwendige Ursachen von Krankheiten" = soziale Missstaende 17 Robert Koch: Tuberkulose kein soziales Problem da Erreger bekannt, Koch-Schueler Emil von Behring: Virchovs "soziale Sichtweise von Krankheit sei unwissenschaftlich, V. denke nicht in med. u. aerztl. Kategorien, sondern in sozialen und sozialpolitischen" 18 experimentelle Laborwissenschaften an Unis in 2. Haelfte 19. Jh als "Freiraum" moeglich 20 FN 59: nach K. Codell Carter (Germ THeory ... med. hist. 24 1980 p 259-74): Freuds Krankheitenlehre wegen Ursachenbasierung (Stoerung d. Sexualfunktion) fuer viele logischer als die seiner Vorlaeufer; FN 60: REF Volker Roelcke: Biologizing Social Facts (in: Culture, Medicine and Psychiatry 21 (1997), p 383-403) 93 "Laborwissenschaft und Psychiatrie: Praemissen und Implikationen bei Emil Kraepelins Neuformulierung der psychiatrischen Krankheitslehre" (Volker Roelcke) 1180 - 1914 Konsolidierung d. Psychiatrie (Ausbau der Anstalten, Etablierung als akad. Disziplin, Forschung mehr klinisch-empirisch/neuroanatomisch/-pathologisch orientiert), 94 Kraepelin: Abgrenzung dementia praecox/man. dep. Irresein -> DSM III (Neo-Kraepelians); REF Ackerknecht, Kurze Geschichte der Ps., Stuttgart 1985, FBG SV IX 703 95 Kraepelins Krankheitslehre/Forschung entscheidend durch ppsychol. Exp. bei Wundt gepraegt, Entscheidung bereits vor klinisch-empirischen Untersuchungen, "Identifizierung und Quantifizierung vermeintlicher psychischer Elementarprozesse", "ohne dabei die Vorannahmen der experiment. Psychologie oder die Uebertragbarkeit dieser Prinzipien auf den Bereich der Psychopathologie zu reflektieren." (FN: REF VR in Schott, Meilensteine ...) 97 wie Wundt: eine solche Psychologie befasst sich nur nur mit "unmittelbar gewissen Thatsachen", bedarf "keiner metaphysschen Annahme, wie derjenigen einer Seele, sondern ist im strengsten Sinne des Wortes eine empirische Wissenschaft" (Zitat v. VR auch anderweitig verwendet, etwa engstrom_roelcke__psychiatrie_im_19_jahrhundert; aus: Rezension zu Gr. d. Phys. Psych. v. W. Wundt, Leipzig 1880, Allg. Z. f. Ps. 38, 1882, S. 111-21 hier 120 (davor 111) "Die Selektion des Untersuchungsgegenstandes oder die Kategorien, in welchen Fragestellungen und moegliche Interpretationen vorstrukturiert werden, [...] werden von Kraepelin als Problem nicht wahrgenommen" 98 Causalmomente: "praedisponierende Faktoren" wie "Erblichkeit", "nervoeses Temperament", "anaemische Zustaende" und ausloesende "krankmachende Reize" -> statistisch analysierbar, aber "Eine effektive Handlungsanweisung im Sinne einer Intervention zur Therapie oder Praevention liess sich daraus nicht ableiten." 102 Compendum 1883: "psychophysischer Parallelismus" - alle psychischen Vorgaenge begleitet von paral. koerperl. Ablaeufen im Gehirn, Abgrenzung gegen "Spiritualismus"/"Dualismus" (Einleitung); Messung der "elementaren psychischen Functionen" 105 Aetiologie - path. Anatomie - Psychopathologie sollten uebereinstimmen (Postulat bei dem. Praecox als Stoffwechselerkrankung in 5. Aufl. 1896 S. 437) VR: experimentelles Modell impliziert (Mono-)Kausalitaet ("klar voneinander abgrenzbare Krankheitseinheiten", Postulat spezifischer Ursache(n)) 106 deskriptive vs normative Funktion (NOTE! letztere bei Kraepelins Krankheitslehre relevant): Hoffnung auf "Verhuetung des Irreseins" 107 Mangel an wissensch. Methoden zum Studium d. path.-anatom. Grundlagen, daher neben Aetiologie und Pathologie auch Klinik zur Erforschung der KH-entitaeten herangezogen 108 Zaehlkarten: Krankheitsverursachung 1. erblich, 2. andere Ursachen - "keinen eigens vorgesehenen Raum fuer eine Darstellung der Biographie des Pat. aus eigener Perspektive, oder fuer Beziehungen innerhalb der Familie."; Zaehlkarten konnen nach Vereinbarung mit Ministerium (badisches M. in Karlsruhe) in Klinik bleiben, um sie wissenschaftlich auszuwerten (mussten vorher in nachfolgende Kliniken/Asyle ... mitgeschickt werden); Wachabteilung statt Abt. fuer "halbruhige Pat." 111 Compendium 1883 Ursachenlehre: koerperl. Faktoren an erster Stelle (dagegen z. B. R. v. K-E 4 Jahre vorher (1879/1883) praedisp. F. allg./indiv (Zivilisation, Klima, Religion; Erblichkeit, Erziehung) vorausloesenden F. Kraepelins Nosologie zuerst programmatischer Charakter, KH-bilder olgen zuerst herkoemmlicher Klassifikation an Hand von Symptomen, erst 5. A. 1896 (mit Dementia praecox) "letzter, entscheidender Schritt" weg von symptomatischer Betrachtungsweise: 112 1. "erworbenes Irresein", 2. "Irresein aus krankhafter Veranlagung", Hoffnung auf "_Verhuetung_ des Irreseins" (nach K 1895 5A Vorwort S. V) Schlussbemerkung VR: "Die neuformulierte Nosologie Kraepelins war, wie bereits ausgefuehrt, nicht einfach das Ergebnis empirisch-klinischer Forschung. Vielmehr basierte sie auf einer vor-empirischen strategischen Entscheidung von Kraepelin. Diese Entscheidung bestand darin, durch Analogie die Prinzipien der Laborwissenschaften auf die Psychiatrie zu uebertragen, und zwar insbesondere das Prinzip der spezifischen Verursachung aus der zeitgenoessischen experimentellen Psychologie und Bakteriologie. Die Motivation fuer diese Entscheidung nennt Kraepelin explizit und deutlich: Genauso wie die neuen Laborwissenschaften soll auch die Psychatrie eine wahrhaft medizinisch-wissenschaftliche Disziplin werden und diejenigen Theorien und Methoden endgueltig verwerfen, die auf einer - wie er es sah - spekulativen Philosophie beruhten." (FN 55 K 1883 S 1-3, 9; K 1887 S. 12f) 114 Kraepelins Theorie von "qualitativ veraenderter [Hirnf]unktion" (im Gegensatz zu "Normabweichung [als] Resultat eines sozialen Aushandlungsprozesses") von Griesinger als "unphysiologisch" diskreditiert, obwohl Kraepelin G. verehrt 115 Kritik Max Webers: K. koenne "aufgrund seiner letztlich physiologisch-chemischen Begrifflichkeit den Einfluß eindeutig beobachtbarer, aber psychischer Faktoren auf die Prozesse von Uebung und Ermuedung gar nicht beschreiben" (FN 62 MW: Zur Psychophysik d. indust. Arbeit 1908/9, in Marianne Weber, ges. Aufsaetze z. Soz. u. Soz.pol., Tuebingen 1924, S. 114-6) auch von Hoche (Kritisches z. psych. Formenlehre, Allg. Zeitsch. f. Ps. 63 (1906), S. 559-63) und Bumke ("quantitative Abweichung in einem Spektrum moegl. psychol. Rk-weisen", 1912 "Zur Frage der fn. Psychosen", Fortschr. d. naturw. Forschung 6 (1912), 131-152, bes. S. 133, ontol. KH-Einh. 135 ...) krtisiert 116 Jaspers fasste in der Allg. Psychopathologie 1913 die zeitgen. Kritik zusammen (REF)