@book{helmchen,
        title = {Psychiater und Zeitgeist},
        subtitle = {Zur Geschichte der Psychiatrie in Berlin},
        author = {Hanfried Helmchen},
        publisher = {Pabst Science Publishers},
        address = {Lengerich},
        year = 2008,
        isbn = {978-3-89967-486-6},
},

23 2. Bemerkungen zur Geschichte der Psychiatrie und der medizinischen Psychologie im Berlin des 18. Jahrhunderts (Christian Donalies)
 Begriff der Psychiatrie durch Reil Anfang d. 19. Jh. geprägt, erster Lehrstuhl 1811 in Leipzig (besetzt mit Heinroth)
24 allerdings Kontinuität, Aufbau auf bereits im 18. Jh. bekanntes und niedergeschriebenes Wissen
33f 1772 Melancholie durch fieberhafte Krätze behandelt (Friedrich Hermann Ludwig Muzell 1715 - 1784) nach Hippokrates "der feuchten Krätze weicht der Wahn"
34 Nfg. Selle
36 Nfg. Christoph Wilhelm Hufeland (1762 - 1836), ab 1801 Primar an Psychiatrie d. Charité: veröffentlicht 1796 "Makrobiotik"
37 1797 Diss. "De methodo cognoscendi curandique animi morbos stabilienda" (Johann Gottfried Langermann 1768 - 1832): "Begründer d. wiss. Seelenheilk." (Laehr 1921), "erster Irrenarzt Deutschl.", "gereifte philos. Pers." (Leibbrand/Wettley 1961)
 "Aus unserer heutigen Sicht erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit Philosophen in psychiatrischen Fragen mitmischten (s. o. Kant [fn s. a. Beitrag Engstrom in diesem Band]), so z. B. auch Georg Friedrich WIlhelm Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854). Beide kamen mit ihrem Denken aus dem 18.\, Jahrhundert. Hegel sah `in der Verrücktheit eine Entwicklungsstufe der Seele, durch die sie freilich nicht notwendigerweise durchgehen müsse.' (Leibbrand und Wettley 1961). Schelling bezeichnete `die Seele ald das eigentlich Göttliche im Menschen, als das Unpersönliche, dem das Persönliche als NIchtseiendes unterworfen sei. Seelenkrankheiten ... gebe es nicht. Zwar können Gemüt und Geist erkranken, und man rede gemeinhin von böser, falscher und schwarzer Seele ... Der Geist weiß, die Seele weiß nicht.' (L+W61)."
 Heinroth in manchem Schellingschüler, bezweifelt allerdings Kompetenz von ``Geistliche[n], Philosophen und Psychologen'' f. psychisch-med. Tätigkeit, weil einE ÄrztIn ``kein Schreibtischmensch ist'' (L+W61)

41 Section: Psychiatrie im wissenschaftlich-konzeptuellen Kontext: Differenzierungen. Frühe Differenzierungen

43 3. Psychiatrie zwischen Psychologie und Philosophie - Moritz Lazarus, Wilhelm Wundt, Theodor Ziehen (Eric J. Engstrom)
 Ausgrenzung der Metaphysik aus der Psychiatrie, Krise, "neue Psychologie" 1870/80er
45 Zit. Kahlbaum 1863: "... genug Irrenleichen zerschnitten ..." (Kahlbaum 1863 S. 61)
 Brief an Oskar Vogt (s. Pfeiffer): 728 (zit. n. Helmchen/Engstrom): Wundt - VogtO `in Frankreich gäbe es einen "halb phantastischen, halb dilettantischen Hypnotismus-Kult", der fälschlischerweise als "experimentelle Psychologie" identifiziert wurde. [Für Wundt gehörte der Hypnotismus außerdem nicht in den "Arbeitsraum des Psychologen, sondern in das Krankenzimmer" und besaß keine fundamentale Bedeutung für die experimentelle Psychologie: "der hypnotische Schlaf ist ein abnormer Zustand wie der andere. So wenig es angeht, auf den Traum oder auf die Manie oder auf den paralytischen Blödsinn die ganze Psychologie zu gründen, gerade so wenig kann der Hypnotismus diesem Zweck dienen" (Wundt 1911 S. 18)]

59 4. Die Neurologisierung der Psychiatrie: Aspekte eines Paradigmenwechsels - Moritz Romberg, Wilhelm Griesinger, Carl Westphal (Roland Schiffter)
 1. Romberg ...
 "Lehrbuch der Nerven-Krankheiten des Menschen"
 Romberg prägte wohl "Neurologe"
 2. Griesinger
67 "Griesinger war wie sein Lehrer Zeller zunächst ein Vertreter der sog. `Einheitspsychose'. Er vertrat die Meinung, dass die psychischen Krankheiten durch Störungen vornehmlich in der Peripherie des Großhirns, also in der Hinrindenregion entstünden und dass die verschiedenen Formen der psychischen Erkrankungen nur Ausdruck nacheinander folgender Stadien eines einheitlichen Geschehens seien. Alle würden z. B. von einer depressiven Symptomatik eingeleitet." Erst 1867 differenzierter (Berlin), Ursachen: `nervöse Konstitution', Vererbung, definitive Hirnerkrankungen, psych. Faktoren, Hysterie
 1861 bei Conolly in ENgland (1794-1866) "non-restraint" kennengel.
68 Berlin: non-restraint, Neurologieabt. unabh. v. Interne (beides von Mehrheit d. Fakultät unerwünscht)
 Einteilung d. Geistesk. in "durch organ. Hirnkrankh. u. Verletzungen" entstandene und jene, die "von Haus aus, von Geburt an disponiert sind": endogen/exogen vorweggenommen?? TODO letztere = "primäre Verrücktheiten" = "Primordialdelirien" als Modifikation d. Einheitspsychose
 besteht auf sorgf. Ausb. d. Pflegepersonen
 will chronisch Kranke getrennt von solchen mit "günstiger Prognose" versorgen
 Frauen und Männer "unter einem Dach"
 1868 fordert non-restraint in "Über Irrenanstalten und deren Weiter-Entwicklung in Deutschland"
 gründet 1867 "Berliner Medicinisch-psychologische Gesellschaft" (-> Berliner Ges. f. Ps. u. N.)
 starb 1868 (Perityphlitis = eigenes Forschugnsgebiet)
 "Wilhelm Griesinger war zweifellos der bedeutendste deutsche Psychiater des 19. Jahrhunderts, er hat die Psychiatrie revolutioniert, indem er sich bemühte, sie zu neurologisieren und zu humanisieren. Die Neurologisierung  der Psychiatrie darf allerdings nicht als alleingültiges Konzept verstanden werden. Er hat sehr wohl auch psychodynamische Vorstellungen entwickelt und z. B. gesagt, dass 'psychische Ursachen' durchaus zu den 'häufigsten und ergiebigsten Qellen des Irreseins' gehörten. [...]"
 3. Westphal
 N+P konsolidiert; Ideler starb 1860, komm. Leitung W. v. Horn (Onkel Westphals), eigentliche Leitung d. Ps.vorl. Westphal
 Habil 1861 (Körpertemp. - Geisteskrankh.)
71
 1863 Vorl. "die Psychiatrie und die damit zusammenhängenden Nervenkr." (vor Griesinger - ähnlicher Standpunkt!)
 Statt a. o. Prof. Westphal dann o. Prof. Griesinger, W. enttäuscht, Foschungsreise, interim. Pockenabteilung
 kommissarische Leitung nach Tod Griesingers 1868,
 a. o. Prof. 1869
 1871/2 eigene Poliklinik f. Nervenkr. (-> Kampf m. InternistInnen)
72
 1874 erstes Ordinariat f. N. u. P. in Preussen
 starb 1890 (verm. Tabes)
73 Westphal = Entdecker PSR, ASR ("Knie-, Fußphänomen" als "Westphalzeichen" d. Tabes dorsalis)
 distanzierte sich von Einheitspsychose, postulierte neben Zwangssynd. "prim. Verr." (Psychosen, die keineswegs immer in Demenz münden)
 Geistesstörungen nicht immer globale Hirnfn.st., sondern auch Teilfn.st. mit psych. Sympt.
74 4. Konklusion
 Romberg: nawi-Fundierung/Systemat. Neurologie-> nawi-Standbein d. Ps.
 Griesinger: stellte Ps. in die Reihe d. physiol./path.anatom. orient. med. Fächer (-> Doppelfach Psychiatrie-Neurologie)
 Westphal: konsolidierte diese P-N (1. ord.)

76 5. Psychiatrie und Hirnforschung: Zu den interstitiellen Übergängen des städtischen Wissenschaftsraums im Labor der Berliner Metropole - Oskar und Cécile Vogt, Korbinian Brodmann, Kurt Goldstein
78 1. Von Zentralen sowie eher "Peripheren" Neurologischen Stationen: Das Hirnforschungslabor von Oskar (1870 - 1959) und Cécile Vogt (1875 - 1962)
 Nach Promotion bei Forel in Zürich
 anschließend Leipzig (Paul Flechsig - neuroanat. Arb.)
 Lernte 1898 Cécile Munier als Neurologieassistentin v. Pierre Marie an Selpêtrière (Paris) kennen, Heirat 1999
 gemeinsame Arbeit (Schreibtisch, Mikroskopiertisch, Anregungen)
 neurol. Centralstation 1898 - Affen, Sprechzimmer, verpackte Gehirne
 1910 Waldeyer, Flechsig für Hirnforschungsinstitut in außerakad. Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), Nissl favorisiert
 Krupp bevorzugt Vogt -> O. V. wird Gründungsdirektor d. KWI f. Hirnf.
 Bielschowsky Mikroskopiker in Forschungsinst.
 Bielschowsky und Vogt prof. h. c. 1913
 Neubau Berlin-Buch 1930 (vorher durch Inflation Geld weg) + Rockefeller-Stiftung
82 "Pathoklisenarchitektur": O+CV wollen histol. Grundlagen ps.-n. Erkr. zeigen
 + ps. Abt. m. 40 Betten
83 von NS-Regime drangsaliert, 1936 entlassen (Auflösung des lebenslangenVertrags mit KWG), statt dessen Hugo Spatz KWI-Leiter
 Krupp/RF bauen neues Hirnforschungsinst. im Schwarzwald v. Vogts u. a.
 Brodmann ab 1898 im KW HFI 
84 Brodmann Diss 1895, danach Lausanne, in München bei Kraepelin, 1898 Dr. med. in Leipzig, Jena, FFM: mit A. Alzheimer; 
85 Brodmann-Areale, von Vogt in zahlreichen Reizversuchen an Wirbeltieren bestätigt
86 Habil wird aber von Theodor Ziehen wegen AnimositÄten gegen die Vogts zurückgewiesen (Institut gegen seinen Willen und den von Waldeyer in Berliner Uniklinik eingegliedert)
88 Georg Klemperer warnt Goldstein vor Nazis


...

146 Psychiatrie und Altersmedizin: Entwicklungsstand der Gerontopsychiatrie (Hans Gutzmann, Siegfried Kanowski)
148 erstes zitiertes Werk: Wille 1873 "Psychosen des Greisenalters" 
150 Autor S. Kanowski als letzter Gerontopsych. seines Inst. emeritiert

163 10. Disziplin und Disziplinierung: Die Geburt der Berliner Psychiatrie aus dem Geist der Verwaltung - Ernst Horn und Karl Wilhelm Ideler 
166 Bezug auf Schmiedebach 1995: "Der geläufigen Unterscheidung zwischen dem eher 'smatisch' orientierten Ansatz Horns und dem eher 'psychischen' Deutungskonzept Idelers kommt ein eher geringer Erklärungswert zu."
 Disziplinierung des Wissens
173 Übertragung der Armenfürsorge in die öffentliche Hand 1826
 heilbare Berliner Geisteskranke sind ohne Rechnung zu versorgen ...
174 ... während unheilbare der Stadt in Rechnung gestellt werden können 


179 11. "Irrenanstaltspolitik" um 1868: Stadtasyl und Anstaltspflege - Wilhelm Griesinger und Heinrich Laehr (Heinz-Peter Schmiedebach)
 Laehr: Broschüre "Fortschritt? - Rückschritt!" gegen Reformideen G.s (1868)
181 zit. nach Kai Sammet (2000 S. 6-9) 5 Themen in Konflikt:
 1. Professur 1862-5
 2. Diskussion um Irrenanstalt i Berlin 1862/63
 3. Gründung "Archiv f. P. u. Nervenkr."
 4 parallele Gründung zweier Berl. ps. Ges., jew. Naheverh. Griesinger/Laehr
 5. Begutachtunger über Irrenverhältnisse in Berlin u. psych. Unterr. (untersch. AuftraggeberInnen, durch Griesinger/Laehr)
182 Griesinger auch innere Med. u. Infektiologie, auch Laehr bleibt 5 Jahre nach Studium außerhalb Ps. u. i Anstaltsverw.
 Laehr wird bei Bau anderer Irrenanstalten zu Rate gezogen (1867 - 1899), aber kein Interesse an neueren Erkenntnissen, keine akademischen Ambitionen; 
 befürwortet Ansätze, die nationale/klimatische/landschaftl./kult. Differenzen berücksichtigen (-> skeptisch ausl. Modellen gegenüber)
 befürw. Prinzip d. Heil- u. Pflegeanst. (angepasst an Land/Region):
 gemeinsames Gelände, getrennte Räumlichkeiten f. heilb./unheilb.
 dagegen Griesinger: "akut" vs "chronisch", Heilbarkeit nebensächlich/obsolet
186
 Laehr familienähnliche Verhältnisse, hübsche Pavillions (wollte ursp. Kranke außerhalb bei Familien unterbringen, aber skeptisch wg. Eignung d. Familien u. Versorgung d. Kranken: "nur schlummernde Funken der Gemeingefährlichkeit [könnten] zu hellen Flammen [angeblasen werden]"
 landwirtsch. Versorgung wichtig (Sohn führt landw. Teil d. Heilanst. - Griesinger: Pat. sind f. Laehrs Anstalt da statt umgekehrt)
187 
 "Staat im Staat"; "sittliche und geistige Überlegenheit d. Arztes"
 Schmiedebach: Laehrs Therapie entsprach im W. Pinels "Ordungsregime", auch Reil häufig in L.s Schriften erwähnt
189 Griesinger: 
 * Stadtasyl (max. 18 Monate, bei Fremd-/Eigengefährdung; evtl. Unterricht f. Stud.!; Eindruck über Lebensv. d. Kranken -> Ursache f. Kh.?), 
 * ländliches Asyl 
 * Zentralasyl am Land (chron. K.; offene Formen finanzieren sich tw. selbst, Arbeit ist aber nicht Selbstzweck, sondern dient d. Kranken; eventuell auch kleiner Lohn als "Schutz gegen Mangel" bei Entlassung)
 Will Nähe d. Stadtasyls (= Klinik) zu andren Uni-Kliniken (Infrastruktur, med. Vers.!; Gleichstellung Ps. m. and. Fächern
194
 Griesinger löst patriarch. Struktur auf: Leiter muss nicht permanent in ANstalt wohnen

199 "Entfremdung" und "Entartung" bei Wilhelm Griesinger und Bénédict-Augustin Morel: Bezug zu aktuellen psychiatrischen Konzepten (Andreas Heinz, Ulrike Kluge)
204 Jackson 1884: "Entartung" (bei Jackson "Dissolution") als umgekkehrte Evolution (Positivsymptomatik älterer/evolut.  niedrigerer Hirnzentren infolge AUsfalls höherer Hirnzentren
205 unplausibel, dass Hirnzentren die Evolution "unbeschadet" überstehen können und Aufgaben höherer Hirnregionen übernehmen ... (Heinz 2002)
206 Struktur der Regressionstheorien (vgl. Heinz 2002):
 Objektliebe <- Narzissmus (Freud)
 Realitätserkenntnis <- Wunschdenken (Bleuler, Jung etc.)
 Wahrheit <- Wahn (Bilz)
 Freiheit <- formelhaftes Reagieren (Heinrich)
 Wissenschaftler <- Dichter (Bleuler)
 Kulturmensch <- Primitiver (Freud, Jung etc.)
 domestiziertes Tier <- Wildtier (Heinrich, Bilz)
 höheres Hirnzentrum <- niedrigeres Hirnzentrum (Jackson, Heinrich)
 Erwachsene <- Kinder (Freud etc.)
 objektliebende Männer <- narzisstische Frauen (Freud)
 Gesunder <- Kranker
207 Einfluss von Ethnologie, Linguistik, Anthropologie ...
 Evans-Pritchard stellt Postulat Lévy-Bruhls infrage, dass prälogisches Denken dem westlichen Verständnis diametral entgegengesetzt sei
 widerspricht in gewissem Sinn auch Jaspers Postulat von der Unverständlichkeit psychotischen Denkens
209 Gegensatzpaare (siehe auch S. 206)

213 Der Kampf um die "traumatische Neurose": Hermann Oppenheim und seine Kritiker in Berlin (Bernd Holdorff)
...
233 medizinische Deutungsmacht von politisch-moralischer Dimension bestimmt (kollektive statt individualistischer Begutachtung, Angst um Volks"gesundheit" und Finanzen wichtiger als indiv. Behandlung), Oppenheim zwei Mal (1890 und im 1. WK) dagegen gestanden, Niederlage gegen Max Lewandowsky (danach Rücktritt vom Vorsrand der GDN 1916 nach Kriegstagung dt. Nervenärzte)
