jaspers1913 Dr Karl Jaspers Allgemeine Psychopathologie Verlag von Julius Springer, Berlin 1913 Gliederung: (Einfuehrung) I Die subjektiven Erscheinungen des kranken Seelenlebens (subj. Psychop.) II objektive Symptome und Leistungen des Seelenlebens (obj. Psychopathologie) III Die Zusammenhaenge des S.: I die verstaendlichen Zusammenhaenge (Reaktonen, Suggestion, Nachwirkung, Abspaltung) IV ... kausalen Zusammenhaenge (endogen/exogen) V Das Ganze des S.: Intelligenz und Persoenlichkeit VI Die Synthese der Krankheitsbilder VII Die soziologischen Beziehungen des abnormen Seelenlebens (Wirkungen gesellsch. Zust. -> S., abnorme Seelenersch. -> Gesellschaft) 4 "Das gewoehnlich normal genannte Seelenleben studiert die Psychologie. Ein Studium der _Psychologie_ ist fuer den Psychopahtologen im _Prinzip_ ebenso notwendig wie ein Studium der Physiologie fuer den somatischen Pathologen.(1)" - Fussnote 1: "Wir sind allerdings nicht in der Lage, ein Buch ueber _Psychologie_ zu nennen, das gleichsam als eine Ergaenzung zum Studium der Psychopathologie dienen koennte. Die Psychologie ist ebenso wie die Psychopathologie geteilt. Man mutt die Parteien und Gegenstaende nacheinander kennen lenen, um von der Psychologie etwas zu erfahren. Fuer die mit der Sinnesphysiologie und den koerperlichen Erscheinungen zusammenhaengenden seelischen Probleme ist _Wundts_ Physiologische Psychologie (kuerzer ist der Grundriss von Wundt) das Hauptwerk.", weiters Ebbinghaus, Titchener, Lipps; Husserl (Untersucheung); Kuelpe'sche Schule; Messer 7 Wert der Philosophie: Vermeidung von Denkfehlern, Sackgassen ... 8 Vorurteile - Hirnanatomie ... 9 ... (deduktive) Philosophie, 10 Scholastik, ... 12 Grundbegriffe: keine (nawi) Theorien, sondern Konstruktionen (z. B. Elemente Empfindungen, Gefuehle - komplexe psychische Gebilde ...) 17 funktionell = keine koerperl. Urs. feststellbar 21f "Bei einzelnen Fragen der speziellen Psychiatrie sind Zaehlungen ergebnisreich gewesen: Dauer der Paralyse, Abstand zwischen luetischer Infektion und Ausbruch der Paralyse, Alter der Kranken und Beginn ihrer besonderen Psychose, Jahreskurve der Aufnahmen usw. Lange Zeit standen in der Psychoathologie im Vordergrund des Interesses die _experimentellen_ Methoden. Man hat geradezu die experimentelle Psychopathologie von der uebrigen als gesondertes Gebiet abgegrenzt. Diese Abgrenzung muß uns im Prinzip als verfehlt erscheinen. Expermente sind unter Umstaenden brauchbare und wertvolle _Hilfsmittel_, aber _experimentelle_ Ergebnisse zu erlangen, kann nicht Erkenntnisziel sein. Gute Experimente kann nur der Psychologe und Psychopathologe machen, der _psychologisch_geschult_ ist, der zu fragen und Antworten zu berwerten versteht. Bloß experimentelle Bildung gibt noch keine Faehigkeit zu _psychologischer_ Arbeit. Daher in der experimentellen Psychopathologie auch so manche pseudoexperimentelle Arbeit geleistet wird. Umstaendliche Experimente werden gemacht, die irgendwelche Zahlen zutage foerdern, die aber nichts lehren, denen kein Gesichtspunkt, keine Idee zugrunde liegt. In den glaenzenden Untersuchungen _Kraepelins_ ueber die Arbeitskurve, in Gedaechtnismessungen, Assoziations-, Aussageversuchen u. a. ist Wertvolles geleistet. [...] _Moebius_ [schrieb]: 'Alles, was herauskommt, ist, derb gesagt, Kleinkram' (Fussnote: Moebius, P. J., Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie, 2. A. Halle 1907)" 45 Wahn Kriterien (NOTE!): "Wahnideen nennt man in durchaus _vager_ Weise alle verfaelschten Urteile, die folgende _äußere_ Merkmale in einem gewissen hohen - nicht scharf begrenzten - Maße haben: 1. die _außergewöhnliche_ Überzeugung, mit der an ihnen festgehalten wird, die unvergleichliche _subjektive_Gewißheit_. 2. die _Unbeeinflußbarkeit_ durch Erfahrung und durch zwingende Schlüße. 2 die _Unmöglichkeit_des_Inhalts_." Zwei Klassen: _verstaendlich_hervorgegangen_ aus Affekten ((Wahn-)Erlebnisse ...), psychisch ncht weiter zurueckzuverfolgen ("phaenomenologisch etwas letztes") drei Auffassungen zur Bildung von Wahnideen: 1. leugnet eigentliches Wahnerleben (Wahn = sekundaer, z. B. bei Westphal); 2. Intelligenzschwaeche -> Kritikmangel -> Wahnideen aus Erleben (dagegen Westphal: s. u. p 45f) 3. "phaenomenologisch eigenartiges Wahnerleben" als pathologisches Element. "Dem gegenueber hat schon Sandberg (Fussnote: A. Z. Bd. 52) mit Recht dargelegt, dass die Paranoiker durchaus keine schlechtere ntelligenz haben als Gesunde. Der Verrueckte hat doch ebenso das Recht logische Schnitzer zu machen wie der Gesunde. Es ist falsch, diese im einen Fall als krankhaftes Symptom anzsehen, im andern Fall fuer normal zu halten, Tatsaechlich findet man alle und sehr hohe Grade des Schwachsinns ohne Wahnideen und die phantastischsten, unglaublichsten Wahnideen bei ueberlegener Intelligenz. Die Kritik wird nicht vernichtet, sie ist ein Ueberlaeufer, wie bei gesunden Fanatikern, so bei Paranoikern (Sandberg). Sie stellt sich _in_den_Dienst_des_Wahns_. Es ist fuer die Erfassung des Wahns von fundamentaler Bedeutung, sich von diesem Vorurteil, es muesse ihm Intelligensschwaeche zugrunde liegen, frei zu machen. [...]" 47ff Wahnwahrnehmungen, -vorstellungen, -bewusstheiten 50 starres Festhalten an Wahnideen legt Persoenlichkeitsveraenderung nahe 53 Zwangsideen: Denkzwang, Geltungszwang (zeitweise Annahme der Richtigkeit gegen "wahre" Ueberzeugung) 89 Phaenomenologie - 5: einfuehlbares und nicht einfuehlbares Seelenleben "Die Sprache unterscheidet von altersher die bloßen _Gemuetskrankheiten_ von der eigentlichen _Verruecktheit_. _Verrueckt_ sind fuer den Laien sinnloses Toben, affektlose Verwirrtheit, Wahnideen, nichteinfuehlbare Affekte, verschrobene Persoenlichkeit, alles um so mehr, je mehr der Mensch dabei relativ besonnen und orientiert ist. Fehlt letzteres, so rechnet der Laie mit Recht diese Zustaende von _Bewusstseinstruebungen_ nicht eigentlich zur Verruecktheit. _Gemuetserkrankungen_ nennt er zwar unmotivierte, aber ihrer Art nach einfuehlbare tiefe Gemuetsbewegungen, wie z. B. die Melancholie sie zeigt. Der Laie trifft mit seinen Ansichten einen Grundunterschied innerhalb des kranken Seelenlebens, den wir zwar auch heute nicht auf eine klare und sichere Formel bringen koennen, der uns aber eines der interessantesten Probleme ist, zu dessen Erforschung die letzten Jahrzehnte Wesentliches hinzugetan haben (Fussnote: _Kraepelins_ Schilderung der Dementia praecox, in seinem Lehrbuch; und vor allem _Bleuler_, Schizophrenie, Wien 1911 REF). Die Gemuetskrankheiten erscheichen uns _einfuehlbar_ und _natuerlich_, die Verrueckheiten gar nicht einfuehlbar, _unverstaendlich_, _unnatuerlich_. Da die bisher treffendste Theorie die einzelnen Zuege dieses unverstaendlichen Seelenlebens aus _Spaltungen_ des Seelenlebens ableitet, hat _Bleuler_ ihm den Namen _schizophren_ gegeben, den wir auch als bloße Bezeichnung gebrauchen koennen, ohne immer jene Theorie zu bevorzugen." - 90 phaenomenologische Elemente: manche schwer, aber doch anschaulich; andere unzugaenglich, nicht verstaendlich, nur "negativ, durch das, was sie nicht sind [umschreibbar]" 145 (verstaendliche Zusammenhaenge...) Hinweis auf Aufsatz Jaspers: "Kausale und verstaendliche Zusammenhaenge zwischen Schicksal und Psychose bei der Dementiapraecox. Z. f. d. g. N. u. Ps 14, 158 1913 REF 147 statisches vs genetisches Verstehen; genet. Verstehen vs Erklaeren; Rationales vs einfuehlendes Verstehen; Verstehen vs Deuten 152 Sinn der "verstehenden PP": 1. Zusammenhaenge erkennen, 2. Zusammenhaenge in abnormen Mechanismen erkennen 154 1. Gegensaetze "Vorstellungen rufen Gegenvorstellungen [...] wach. Normalerweise entspringt daraus eine volle Vereinheitlichung. Abnormerweise _verselbstaendigt_ sich eine Tendenz [...] oder es entsteht _keine_Vereinheitlichung_ ([...] besonders Kranke der Dementia praecox-Gruppe [koennen] gleichzeitig dasselbe hassen und lieben, fuer richtig und falsch halten [...]) oder es gewinnt die _Gegentendenz_ ueberall besondere Selbstaendigkeit ([...])." 2. Symbolisierung 155 3. Gegensatz "_willkuerliche[s]_ Handeln" - "_unwillkuerliche[s]_ Werden", Wille (Aktivitaet) - Erleben/Geschehen (Passivitaet) 157 4. Beeinflussbarkeit von Stimmungen; 5. Triebe, Leidenscaften, Wertungen, Anschauungen 159 verst. Zus. bei abnormen Mechanismen 164 (Zusammenhaenge bei abnormen Mechanismen - pathologische Reaktion ... 3.) Konstitution psychopathisch (dauernde Anlage), schizophren (fortschreitender Prozess) 178 Hinweis auf Jungs und Freuds (!) (REF) Theorie, dass Symptome be Psychosen d. schizophrenen Gruppe aus abgespaltenen Komplexen stammen 230 (kausale Zusammenhaenge - typische Verlaufsreihen: Prozess) Prozess = dauerhafte Veraenderung d. Seelenlebens; merkt an, dass dies nach Bleuler bei der Schizophrenie immer der Fall waere; ordnet Dementia praecox als "durch _organische_Hirnerkrankungen_ hervorgerufene Prozesse" ein 231 ueber "psychische Prozesse": "Eine generelle Schilderung dieser Faelle, aehnlich wie man sonst ein Krankheitsbild schilder, laesst sich m. E. nicht geben. Bei den meisten Faellen findet man eine merkbare Veraenderung der Perseonlichkeit und eine Veraenderung des Seelenlebens, die in zahlreichen - durchaus nicht in allen - Faellen dem Typus der _Bleuler_schen Schizophrenie entspricht." ... 235 [Ueber Intelligenz] "Man kann sich den durchschnittlichen Besitzstand meist gar nicht gering genug vorstellen (Fussnote: Rodenwaldt, Aufnahmen des geistigen Inventars Gesunder als Maßstab fuer Defektpruefung bei Kranken). _Rodenwaldt_ fand bei der Mehrzahl seiner Soldaten einen voelligen Mangel an sozialer Orientierung, Unkenntnis der politischen Rechte, selbst der sozialen Gesetzgebung." 238 "Die _schizophrene_Demenz_, diejenige Verbloedung, an der die Mehrzahl der dauernden Anstaltsinsassen, die eigentlichen Verrueckten, leiden, ist noch schwieriger von der Seite der Intelligenz her zu fassen. Ja, man kann zweifeln, ob nicht hier die Intelligenz ganz intakt bleibt und alle Veraenderungen auf Veraenderungen der Persoenlichket beruhen. Eine Trennung von Faellen der letzteren Art, die die Mehrzahl sind, von sicher nachweisbaren Intelligenzstoerungen wuerde, wenn sie gelaenge, von fundamentaler Bedeutung fuer die Auffassung dieser Krankheiten sein." 239 bei erworbener Demenz neben organischer und schizophrener D.: "... _sozial_bedingter_Schwachsinn_. 'Schlechte Erziehung, mangelnder Schulbesuch, andauernde Entbehrung geistiger Anregung, Einengung des Interesses auf den Broterwerb und die Erhaltung des vegetativen Ich, schlechte Ernaehrung, unregelmaeßiges Leben - sind ohne Zwiefel Umstaende, hochgradige Defekte des Wissens und Urteils und eine im ganzen ausschließlich egoistische, moralisch tiefstehende Denkrichtung zu erzeugen' (Bonhoeffer)" 248 "_Einzelne_ Triebanlagen, z. B. perverse sexuelle Triebrichtungen, koennen bestehen, ohne der Gesamtpersoenlichkeit notwendig einen wesentlich (qualitativ) anderen Stempel zu geben. Doch beginnen schon in manchen Faellen bei den abnormen sexuellen Anlagen in den eigentuemlich kalten, asexuellen Persoenlichkeiten und den manchmal merkwuerdig sensiblen, feinfuehligen, aber doch anscheinend die ganze Welt in einer anderen Beleuchtung sehenden Homosexuellen _tiefgreifende_ Variationen der Wesensveranlagung." (p 248) 252 "Eine ganz besondere Stellung nehmen die durch einen Prozess [s. o.] entstandenen Persoenlichkeiten ein, die der großen Gruppe der Dementia praecox angehoeren und neuerdings von Bleuler _schizophren_ genannt worden sind. Die Mehrzahl der dauernden Anstaltsinsassen gehoert hierher. [ebenso s. o.] Die Mannigfaltigkeit dieser Persoenlichkeiten von einer leichten Veraenderung im Wesen nach der Seite eingeschraenkter Verstaendlichkeit hin bis zu fast voelligem Zerfall ist eine sehr große. Worin das Gemeinsame besteht, ist schwer zu erkennen. Schon die alte Psychiatrie suchte die '_gemuetliche_Verbloedung_' zu charakterisieren, jetzt betont man dazu die mangelnde _Einheitlichkeit_ in Denken, Fuehlen und Wollen, den _Widerstreit_zwischen_Gemuetsbewegung_und_jeweiligem_Vorstellungsinhalt_, die Unfaehigkeit, die Wirklichkeit als Wirklichkeit aufzufassen und in ihrer Bedeutung bei sich zur Geltung kommen zu lassen (Bleulers _autistisches_ Denken: in sich und die Phantasien ohne Ruecksicht auf die Realitaet eingesponnenes Denken)." 257 VI Synthese ... "Die einen trugen die Lehre von der _Einheitspsychose_ vor [...], eine ungeheuere Mannigfaltigkeit von Variationen des Irreseins, die ueberall und nach allen Richtungen fließend ineinander _uebergehen_. Die anderen lehrten: es ist die Hauptaufgabe der Psychiatrie, die _nauerlichen_Krankheitseinheiten_ zu finden, die prinzipiell voneinander getrennt sind [...], zwischen denen keine Uebergaenge bestehen." 258 REF Kraeelin C f N 1905 573; Alzheimer Z f d g N u Ps 1 1; Liepmann M f P 30, 1; Gruhle, Z f d g N u Ps Ref 2, 1. 260 ueber Kraepelins Systematik nach Kahlbaums (REF?) Vorstellungen: "... das _m-d_Irresein_ [...] und die _Dementia_praecox_, in der Kahlbaums Katatonie und Hebephrenie und die Verruecktheit aufgingen." 261 Hinweis auf Kraepelins Verdienst ueber den Verlauf und die "_psychologische_Struktur_ der Gemuetskrankheiten wie der schiz. Erkr. (daraus erwuchs Bleulers Sch.)"; 262ff Hinweis auf vergebliche Bemuehungen, aus psychol. Befunden auf Hirnanomalien rueckzuschliessen, umgekehrt breite Palette an psych. B. bei den selben cer. Pathol.