Karl Ludwig Kahlbaum und sein Beitrag zur Entwicklung der Psychiatrie Rafael Katzenstein Juris-Verlag Zuerich 1963 Zuercher medizingeschichtliche Abhandlungen, Hg. v. Prof. Dr. E. H. Ackerknecht Neue Reihe Nr. 14 10 Plaedoyer fuer Basisforschung: "Wenn irgend ein Satz in seiner Wahrheit durch die Geschichte der Wissenschaften erklärt wird, so ist es der, dass man keiner Beobachtung ansehen kann, welche Wichtigkeit sie in der Folge haben werde, dass oft die anfangs unbedeutend scheinenden, zufällig oder absichtlich weiter verfolgten Beobachtungen zu den grössten Bereicherungen der Wissenschaft und der Praxis geführt haben. Daraus hat sich die Regel gebildet, dass der Naturforscher ohne Rücksicht auf die augenblickliche Verwerthung beobachten soll. Und so glaube ich mich keiner unnützen Subtilitätssucht schuldig zu machen, wenn ich diese Fälle von Seelenstörung, in welchen das Stadium melancholicum nicht beobachtet werden konnte (ohne dass es an einem Beobachter fehlte!) als eine andere Art, oder Varietät oder UnterVarietät ansehe und in dem /jähen/ Ausbruche der Krankheit, in dem Anbeten des höchsten Grades der Acme von Anfang an, die Eigenschaft erkenne, welche als charakteristisches Symptom hervorgehoben werden muss und von welcher die Bezeichnung hergenommen werden mag. Ich will sie daher Vesania typica präceps nennen." REF karl ludwig kahlbaum: die gruppirung der psychischen krankheiten und die eintheilung der seelenstoerungen, Danzig 1863 http://books.google.ie/books?output=text&id=zYY_AAAAcAAJ&jtp=68 11 "Die deutsche Psychiatrie war am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von der Romantik beherrscht. Die sogenannten Psychiker sahen in den Geisteskrankheiten reine Erkrankungen der Seele ohne Beziehung zum Körper, und zahlreiche unter ihnen glaubten, daß die Geisteskrankheit aus Sünden und Laster entstehen. Prominent unter den Trägern dieser Vorstellung war J.\,Heinroth. Im Gegensatz zu den Psychikern sah die Schule der Somatiker die Geisteskrankheiten als körperliche Krankheiten an, die sich lediglich in seelischen Symptomen zeigten. Friedrich Nasse und Maximilian Jacobi waren deren Vertreter. Die Psychiater dieser Schule beschäftigten sich vor allem mit körperlichen Erscheinungen in der Geisteswelt: Puls, chemische Veränderungen, Gewicht. Der gewaltige Aufschwung der Naturwissenschaften und die Entdeckung [sic] im Gebiete der Neurologie verhalfen dann gegen Mitte des Jahrhunderts einer rein somatisch-mechanischen Einstellung in der Psychiatrie zum Sieg." // 12 // "Typisch für diese Einstellung ist der Satz: 'Psychische Krankheiten sind Erkrankungen des Gehirns'. Er stammt von Griesinger, dem tonangebenden Psychiater um die Mitte des Jahrhunderts. Man war überzeugt, daß die pathologische Anatomie und Histologie Erjkärungen für alle Geisteskrankheiten bringen werden, und beschrieb eifrig die kleinsten Veränderungen, die sich bei Autopsien am Hirn Geisteskranker zeigten, kam aber dabei in der Abgrenzung der Krankheiten nicht voran. Spekulative Theorien über tonische und klonische Zustände im Gehirn, Hyper- und Hypofunktion desselben, Hyperämie und Anämie im Gehirn und pathologische Reflexmechanismen sollten die damaligen Krankheitsbilder der Psychiatrie erklÄren." Begriffe z. T. unverändert aus Altertum (Mel./Man.); 4 KH-Formen Mel/Man/Verwirrtheit (Verrücktheit)/Demenz Hecker: außer progr. Paralyse keine KH-Formen 13 vier Krankheitsformen nacheinander -> "EInheitspsychose, die Griesinger von seinem Lehrer Zeller übernahm und die bei Neumann 1859 den extremen Ausdruck fand: 'Es gibt nur eine Art von Seelenstörung, wir nennen sie Irresein.'" 16 Kahlbaum sieht drei Gruppen von psych. Klass.: * viele diskrete Krankheitsbilder (Felix Plater - erste med. Klass. 1625, Guislain, Sauvages, Fleming) * rationalistische Erklaerungs- und Zusammenstellungsversuche, spekulative Auffassungen von "natuerlichen Systemen", meist nach drei Seelensphaeren (Gefuehl, Wille, Verstand/Gedankengang) - jeweils Steigerung, Verringerung oder qual. Veraenderung (Stark, Heinroth, Reil ...), empirische Erklaerungsversuche (Pinel, Esquirol, Baillarger (folie a double), Griesinger (prog. Par., Epilepsie)) - nach Katzenstein Reduktion auf Melancholie, Manie, Verruecktheit/Verwirrtheit, Demenz/Bloedsinn * nur eine Geisteskrankheit [Einheitspsychose]: Neumann -> Ausgangspunkt f. Kahlbaum! - vesania typica: Melancholie, Manie, Verw., Bloedsinn 17 aber nicht alle Geisteskrankheiten passen in Neumann-Schema (Irresein mit Epilepsie, "weibliche Irre, die nur während der Menstruationszeit Wahnparoxysmen aufweisen, ...") 5 Klassen (nach Neumann): I. Vesania 1. vesania typica (Neumann-Psychose) ** stadium incrementi (entspr. Melancholie) ** stadium acmes (e. Manie) ** stadium decrementi (e. Verw.) ** stadium defectus (e. Bloedsinn) Unterformen: ** ves. typ. completa ** ves. typ. praeceps (ohne Melancholie, beginnt m. Manie) ** ves. typ. simplex (ohne Manie) 19 2. vesania progressiva (Bayles'/Calmeils prog. Paralyse) 19 3. Spannungsirresein - ab 1874, "klin. d. Gesichtsp. d. Psychopathologie 20 II. Vecordia (idiop. Seelenst. ...) Nur eine der drei Sphaeren (Gemuetsleben, Denktaetigkeit, Wille) primaer krankhaft veraendert: * Dysthymia (Gem. - Ersatz fuer "Melancholie", diese waere Zustandsbild/Habitualform, D. Krankheitsname) ** D. atra (typisch mit melancholischem Zustandsb.): einfach/agitiert ** D. elata (heitere Gemuetsveraend. - sehr selten): einfach/aktiv * Paranoia oder Verruecktheit (Denken) ** P. ascensa (erhoebung d. Ichbewusstseins) ** P. descensa (Erniedrigung d. I., z. B. Lykanthropie (NOTE)) ** P. Immota (ohne Veraenderung d. Ichbewusstseins) Reserviert die Woerter "Verwirrtheit"/"Perturbation" fuer die Zustandsform 21 * Diastrephia (Willen/Handlung) Laut RK: wuerde "Psychopathen" umfassen sowie "manie sans délire" oder "monomanie instinctive"; 15 a spaeter in "klin.-diag. Gesichtsp. d. PP" fallengelassen, weil auch andere Symptome praesent ausser Willensst. * V. insania: keine der drei Sphaeren zur Gaenze, aber alle drei in einem inhaltlichen Bereich (Glaube, Charakter ...) gestoert - ebenfalls nur 1863, sehr theoretisch - fehlt 1878 Zwei Unterschiede zu Vesania: 1. Partialitaet, 2. Kontinuitaet - geht nie in Bloedsinn ueber 21 III. Dysphrenie ("sympathische und symptomatische Seelenst. im Anschluss an einen spez. physiol. od. pathol. Koerperzustand sich entwickelnd mit dem Charakter der Totalerkrankung des psychischen Lebens und der Vermischung dieser Symptome" (Gr. S. 136) 22 Einteilung nach Beziehung zum Gehirn * D. nervosa (animales System = Nervenbahnen betroffen, z. B. Epilepsie) * D. chymosa (vegetat. System, Einfluss auf Gehirn ueber Blutbahn, z. B. Alkoholrausch, delirium tremens) * D. sexualis (Ausgang von Sexualorganen, Uebermittlung ueber Blut oder Nerven, z. B. an menses gebundene, wiederholt auftr. Seelenst.) Einteilung auch in D. excitata/depressa, D. continua/recurrens IV. Neophrenien * N. innata (simplex, cretinica, epileptica), laut RK von anderen "Dementia congenita" genannt * N. morbosa (simplex, epileptica) durch Krankheit erworben) * N. carens (coeca, surdo-mutua) durch Mangel eines hoeheren Sinnesorgans 23 V Paraphrenien * 1. Hebephrenie (Pubertaet) * 2. Paraphrenia senilis (im Greisenalter, laut RK sonst Dementia senilis genannt) * 3. P. hypnotica (eher theoretisch: im Schlaf auftr. Seelenst., z. B. Schlafwandeln, Alpdruck), in kl.-d. Ges. 1878 nicht mehr erwaehnt Dritter Teil: Geschichte, Theorie * Symptome (Illusion, Halluzination, ...) * Erscheinungskomplexe (Melancholie, Manie, BLoedsinn) * erst in Einheitspsychose Differenz Symptome/Erscheinungsk. - Krankheitsvorgaenge K. beruft sich auf Stark/Guislain: Zustandsformen aus 15 Elementarformen, je drei in: * Gefuehlsleben * Gedankengang * Willensaeusserung * Motorik * Sensibilitaet Hyper-, Hypoakt., qual. Veraenderung z. B.: * Melancholie: Hyperthymie + oft Hyperaesthesie, Parathymie, Hypernoësie, Hyperkinesie * Manie: Hyperergia + ... * Bloedsinn: Anoësia + ... * Verwirrtheit: Paranoësia + ... betont theoretisch-menmonischen Wert, wichtiger sei Unterschied zw. Mel.-/Manieformen unter sich: (LK) "Eine Melancholie, welche Vorlaeufer einer Manie ist, hat offenbar andere Bedeutung als solche, welche kosntant das Krankheitsbild bestimmt oder welche einem Bloedsinn vorangeht." - Verlauf wichtig f. Prognose 25 "Während in anderen medicinischen und naturwissenschaftlichen Disciplinen gerade auf den Monographieen das Fortschreiten der Wissenschaft beruht, müssen in der Psychiatrie die Hand- und Lehrbücher derselben, oder aber die Aufsätze über allgemeine theoretische oder therapeutische Fragen als die Träger des wissenschaftlichen Weiterschreitens angesehen werden. Hier finden wir fast keine neue Ansicht, keine neue Beobachtung auftreten, welche nicht zugleich das ganze Lehrgebiet einer Umgestaltung unterwürfe und den beinahe gesammten Schatz bis dahin gepflegter Kenntnisse und emsig gesammelter Erfahrungen für nichtig oder doch nicht mehr brauchbar darzustellen suchte. Ist das nicht dieselbe Eigenthümlichkeit, welche einen so grellen Unterschied zwischen der Philosophie und den Naturwissenschaften begründet?" http://books.google.ie/books?output=text&id=zYY_AAAAcAAJ&jtp=180 (NOTE CIT INTRO) Fallbeschreibungen ... 28 Melancholia attonita (bei katz. attonica? falsch!), Katatonie (zykl. V., pathet. Benehmen wie Schausp., Redesucht: monot. WH., Negativismus/Bettsucht, Nahrungsverw., Mutismus, Widerst. g. Lagev., Bewegungsstereot., mot.Sympt./Krampf, choreaart. Konvuls., hysteriaehnl. Kraempfe am Anfang, flexibilitas cerea spaeter) Kahlbaum seien flex. cerea, Schnautzkrampf, Verbigerationen (zit. aus "Katatonie") zu verdanken 29 Erklaerung fuer Verbigeration/Mutismus: klon./ton. Krampf in Sprach-Nervenbahnen 31 THerapie bei Katatonie: kategorisch Anstaltseinweisung, um Pat. von tiefen Gemuetsregungen und Sinnesreizungen fernzuhalten, tonisierende Mittel (Eisen, Chinin), richtige Ernaehrung, geregelter Lebenslauf, Bromkali gegen Reizung im Sexualbereich, galvan./farad. Elektr. (aber CAVE Verstimmung), LK ist gegen tartarus stibiatus (ref. "Hebephrenie") 34 Kohlbaum erster Empiriker in D., nicht so in F (Pinel: folie raisonnante (bei Esquirol dann "Monomanie"), Bayle/Calmeil: progr. Paralyse, Falret/Baillager: zirk. Irresein); sonst Beharren auf alten Krankheitsformen 36 Hinweis auf Kraepelin (100 j p S. 241 = p. 81): Kahlbaum versucht, die Katatonie wie die (prog.) Paralyse abgzurenzen ("Verbindung von seelischen Störungen mit körperlichen Beschwerden"), Kraepelin: "Wenn sich diese Auffassung nicht aufrechterhalten läßt, so hat sie doch gezeigt, dass der von Kahlbaum eingeschlagene Weg richtig war" 37 Zitat Jaspers (Allg. PP 6. A. 1953 S. 473) "Weder die psychologischen Grundforme, noch die Ursachenlehre (Aetiologie) noch der Hirnbefund hatten zu irgend annehmbaren Krankheitseinheiten, in die alle Psychosen unterzubringen seien, gefuehrt. Kahlbaum und nach ihm Kraepelin haben dann neue Wege beschritten, um trotz allem zu Krankheitseinheiten zu kommen. Zwei Grundforderungen stellte Kahlbaum auf: Erstens muesse man den Verlauf des ganzen Irreseins als die wesentliche Grundlage fuer die Bildung von Kankheitsformen heranziehen und zweitens muesse man durch allseitige klinische Beobachtung das Gesamtbild der Psychosen als Basis nehmen. Stellte er durch Betonung des Verlaufs einen neuen Gesichtspunkt neben die drei frueheren, so faßte er durch die zweite Forderung alle Gesichtspunkte zusammen: Sie sollen zur Bildung von Krankheitseinheiten nicht gegeneinander, sondern zusammen arbeiten." keine wiss. Disk. ueber "Grppierungen", keine Kritik: schwerf./umstaendl. Stil? Heckers Stil lesbarer/klarer als Kahlbaums; Fehlen von praktischen Beispielen; neue Nomenklatur als stoerend empfunden 39 De Boor: verbreitete Konzeption der "Einheitspsychose" verhindert klinische Betrachtungsweise RK: Kahlbaum war seiner Zeit voraus 40 "Von Kahlbaums Krankheitsformen blieben bis heute de Katatonie und die von Hecker in Kahlbaums Auftrag beschriebene Hebephrenie erhalten."