roelckekk Volker Roelcke Krankheit und Kulturkritik: psychiatrische Gesellschaftsdeutungen im bürgerlichen Zeitalter (1790 - 1914) Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag 1999 ISBN 3-593-36208-2 11 Einleitung - Zivilisationskrankheit 13 "Gedeutet wird die jeweils aktuelle soziale Lage, aber ebenso deren Vorgeschichte und eine extrapolierte Zukunft, gleichsam die Ätiologie und Prognose des krankheitsverursachenden Gesellschaftszustands. Der Begriff Zivilisationskrankheit kann damit als ein kulturell relevantes medizinisches Deutungsmuster aufgefaßt werden. Ein solches Deutungsmuster leitet Wahrnehmungen, interpretiert Erfahrenes und motiviert Verhalten." 19 Selbstbeobachtung; Zeitalter der Empfindamkeit: melancholie, Hypochondrie Foucault-Kritik: Gutting 1994, Porter 1987, Sill/Velody 1992 20 institutionalisierte Form der bürgerlichen Selbstvergewisserung 21 Degenerationsbegriff seit Beginn 19. Jh., Neurasthenie ab 1880 "Verzweigung der Neurasthenie-Debatte in drei wirkungsgeschictlich relevante Traditionslinien zu Beginn d 20. Jh.: eine primär biologisch-orientierte (Kraepelin), sowie eine multifaktorielle (Bumke) Krankheitslehre und als drittes ein soziologisch argumentierendes Neurosenmodell, das gleichzeitig eine eigenständige Kulturkritik begründet (Freud)" Reil - Degeneration 45 körperliche Züchtigung "im Sinne der Neurophysiologie als wissenschaftlich fundierte Applikation von Schmerzreizen via "Gemeingefühl" auf das Seelenorgan" gedeutet" (-> Gerichtsfall Dir. Hohn von Irrenabteilung d. Charité) 47 3. Abgrenzungen und Vergewisserungen: /Psychiker/, /Somatiker/ und /Physiologen/ 53 Heinroth "menschliche Lebensentwicklung" cf. moralische Entwicklung bei Kohlberg: niedrigste Stufe - Kind/roher Mensch/rohes Volk zweite Stufe: Verstand, Anschauungen werden zu Begriffen, Selbstbewusstsein: Leib - Seele (diese in "Gemüth", Geist (Sinne + Verstand), Wille geteilt), indiv./koll. Entwicklungsstufen, Gebildete dritte Stufe nur wenigen vorbehalten, 'die "Weltleben" und "Selbstleben" aufgeben und sich der Entwicklung des "Ewigen in sich" widmen, d. h., sich Gott zuwenden', Gewissen 54 'Ueber uns'; Gewissen als Mahner, Compass ... leitet aus dieser Entscheidungsmöglichkeit Freiheit ab und argumentiert gegen eine Exkulpierung psychisch kranker VerbrecherInnen 54 Vernunft "einziges Mittel der Prävention", Staat muss Vorsaussetzung für christliche Erziehung schaffen 62 Nasse - Zuwendung zum Körper 63 Sprachverwirrung der Irrenärzte, könnten selbst als Irre gesehen werden (cf. Reid) 64 Nasse plädiert für phänomenologischen Zugang (Deskription), Begriff des "Irreseyns" weil schonend und nicht präjudizierend. Suche nach körperlichen Korrelaten für seine "drei Formen des Irreseyns" (Amentia (Blödsinn), Melancholia (Wahnsinn), Manie (Tobsucht)) körperliche Krankheiten "nothwendige" und "vorbereitende" Ursachen f. d. Seelenstörung, psych. F. wie Leidenschaften häufige, aber nicht obligate Auslöser 65 Irresein "stets von einer körperl. KH abh." Anspielung auf Heinroth: Ungreiheit d. Seele sei "Hauptsache beim Irrseyn", allerdings nicht nachvollziehbar, wie die Seele durch freien Entschluss auf die Freiheit verzichten könne, psych. KH kein Resultat einer freien Entscheidung zur Unfreiheit. Individuelle Sünde beim Irren nicht häufiger zu finden als beim Gesunden, Erbsünde (wenn vorhanden) bei allen Natur d. Seele = gesunder Zustand (erwachsene, gebildete Menschen) 66 'Irresein "bei wilden Völkern" lediglich deshalb "weit minder häufig", weil "ür diese "die Zahl psychischer Reize geringer ist"' psychophys. Dualismus bei Nasse 67 paternalistischer, anthropologischer Zugang, akademisch [wobei bei Nasse die Hoffnung auf Empirie angeführt wird - nasse1818a/33; siehe auch engstromroelcke/43] r. sieht hier eine analogie zur Politik, die 1823 ein Verbot für Bücher erlässt, welche sich mit dem Rechtscharakter und der Politik des dt. Bundes beschäftigen (!) 68 Julirevolution 1830 (Paris, "Les Trois Glorieuses") -> Pressezensur nach Wiener Ministerialkonferenzen 1834, aber nur geringe Verzögerung polit. Journalismus, polit. sowohl konserv. als auch liberale Zeitschriften bürgerliche Intellektuelle -> auch in Psychiatrie, z. B. Griesinger Ordin. Charite; sieht 1844 Steit psych/som. beigelegt * gründet 1842 mit Carl AUgust Wunderlich "Archiv f. physiolog. Heilkunde" * setzt sich dort mit naturphilosoph./kathol. (Ringseis...) vs naturhistorischer (!) (Schönlein...) Schule auseinander ** sieht bei letzteren vor-empirische Auswahl von vermeintl. wesentlichen klin. S., aus denen sie ontolog. KH konstruieren, die mit empir.-beob. KH wenig zu tun haben 69 KH-Ursachen nur durch pathologische Anatomie, bes. Physiologie ergründbar [-> Kraepelin?] 71 THeoriebildung und falsifizierbare Hypothesen vs. Ringseis relig. Begründungen Griesingers Engagement in verbot. liberaler Burschenschaft hatte ihm schon ein Jahr Pause an der Uni beschert ("consilium abeundi"), Abschluss in Zürich 72 sammelt irrenärztl. Erfahrung bei "Somatiker" Zeller in Winnenthal (polit.-philosoph. Umfeld Griesingers bei Bettina Wahrig-Schmidt) pysiolog. orient. Medizin, "Vernunft" -> Vormärz mitglied d. liberalen Dozent*innenklubs in Tübingen -> "Jahrbücher d. Gegenwart" gegen Repression u. Zensur in Trad. d. Hallischen Jahrb. 73 nach Schillers "Weltweisen": "Leben sei eine Verb. v. Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten, etc." empir. Naturforschung = gleichberechtigte, "quasi demokrat." Beachtung aller Naturphänomene ohne Sel./Hier. rational darafu aufbauende KH-Lehre (Prinzipien d. bürgerl.-lib. Anthropologie, auf Vernunft- u. Naturrecht aufbauenden Politik, die Freiheitsrechte d. Indiv. verteidigt) 74 Seele = Summe der Gehirnzustände, kann nicht erkranken, ist aber Funktion der Gehirnaktivität = "Materialismus" (n. Gr.) psych. Erscheinungen können mit physiol. Meth. untersucht werden, 75 Rückenmark + Gehirn als Ganzes Unterschiede d. Reflexe im Gehirn u. RM nur graduell, ebenso zwischen "unbew./halbbewussten/bewussten Vorstellungen" Bewusstwerdung d. Strebung = WOllen 76 Besonnenheit = ABwÄgen untersch. Regungen -> Besonnenheit u. Freiheit d. Willens = Resultat eines Bildungsprozesses (nicht gattungsspezifisch) 77 Bildungsbürger*in als humane Norm (!= Heinroth: Freiheit u. Vernunft allen zu eigen, auf göttl. Gebot hin konzipiert) Gegenbild Geisteskranke: defizit. Best. Hunger und Liebe bei gesunden Bürger*innen gehemmt ("starkes Ich", soz. Norm) 78 Pflicht u. SItte = Naturkonstante, nicht historisch bedingt aber indiv. Lebensgeschichte relev. (geist. Vorrat(h)/Disposition) "äußere prädisp. F.": u. a. Zivilisation, Klima, Standesunterschiede != Heinroth, Reil inkl. statist. Angaben zu Krankheitshäuf. nach Staaten (cf. Esquirol( Zunahmen als statist. nicht relevant erachtet, keine Äußerung zu Lebensbedngungen Politisierung in Ursachenlehre: 79 Stand (soz. St.) -> Erkrankungsrisiko Zusammenf. Grisinger: * Ablehnung religiös autoris. Anthropologie -> materialist. Auffassung auch d. Seelenlebens * Politisierung d. Physiologie (bürgerl.-liberale Wertvorstellungen) * Reduktion d. Bed. d. Geschichte auf indiv. Lebensgesch. (Natur- u. Menschheitsgeschichte irrel.) -> wichtig f. Vorstellung f. Zivilisationskrankheiten zusammen m. Neurasthenie u. Degen. 80 "4. Degenerations als indiv. Path.: Morel " etc. Morel 81 Griesinger: 1845 "Erblichkeit" einer v. vielen Faktoren f. KH-Entst. unter "indiv. Prädisp.", daneben Erziehung, nervöse Constitution ... 1861 "Degeneration" in Ursachenlehre (Untergr. d. Erblichkeit), spÄter als "neuropathische Disposition" 82 Wirkungsgeschichte d. "Degeneration" im dt. Sprachraum zuerst entpolit./indiv. (bürgerl. Liberalismus) urspr. zur ErklÄrung der "neuropathischen Disposition" 83 Morel lernt im Studium Phys. Claude Bernard kennen republ. Zirkel it Med./Hist./Pol. Philippe Joseph Benjamin Buchez u. Baron Laurent Alexis Cerise Ass. Salpetriere, Studienreisen Eur. ... Degen. vor Morel auch in Naturgeschichte, Ethn., Geschichtsphil. 84 <- Sozialphil., Anthropologie, Neuropathologie: Buffon, F-J Gall "Einheit d. Schöpfung/Tier- u. Menschenwelt" -> Menschen durch biolog. Methoden erforschbar Buchez kommentiert pos., christl.-anthrop. Fortschritts- u. Perfektib.ged. 85 Buffon: Entartung als nat. Var. d. mensch. Spezies Morel: pathol. Phänomene -> negat. Konnot. -> Progression organische Basis nach Vererbungstheorie v. Prosper Lucas theol./phil. Basis: Entartung - Ursprung d. Bösen (-> (Erb-)Sünde) 86 nur ätiologische, keine symptomatologische Klass. (1860) 6 Gruppen: * 4 erstmals (Erblichkeit unsicher: Intox., transf. Neurosen, idiopath., sympath.) * degeneresecences tesultant du milieu social (Berufskr., Armut) 87 * alienations hereditaires (= Folgeerscheinungen d. vorhergehenden, erblich durch Schädigung d. Keimanlage!) psych. KH = gestörte Bez. Körper - Seele, manif. am Gehirn; Ursachen sowohl am Gehirn ("idiopath.") als auch v. außen externe Ursachen wirken "sympathisch" über Gehirn (indir.!) auf Seele Folgen: * Unantastbarkeit d. Seele * Gehirn als Sitz d. Seele u. Seelenstörungen (n. Gall "Gehirn als Organ d. Seele", aber keine lokalisierbaren Cerebralfn. - Flourens) 88 v. a. äußere Ursachen (soz./mat. Bedingungsfaktoren), Anhäufung kranker Individuen u. Familien als Existenzbedrohung f. ganze Nationen "4.2 Degen. als Erkl. f. indiv. Path.: Spätwerk Grisinger" Degeneration in seiner "physiol. Psychiatrie": Theorie d. Ätiologie f. Krankheiten d. Nervenapparates, Thematisierung psychopath. Übergangsformen zw. ges. u. kr. Zuständen (neu!) teilt die Nervenkrankheiten in Bezug auf Aetiologie und Pathologie in ``[erworbene,] zufällig entstandene Hirnkrankheiten'' ohne ``ursprüngliche Grundlage'' und jene ``psychischen Prozesse [..., die] von Geburt an determiniert gewesen sind.'' symptomatolog. Betrachtungsweise, erst 1866-68 "neuropath." Persp. 91 =ätiolog. Klass., Abschied von Einheitspsych. n. Zeller ABER: spätere Rezeption v. a. d. Frühwerks Aufl 1861..., nicht Aufsätze 1866-68 -> Verwendung von Kraepelin als Referenz v. Compendium 1883 -> Rezeption v. Kraepelin als Neuerer Konzept d. "nervösen Disposition" aus 1. Aufl. d. Lehrbuches nun mit Degeneration ätiologisch begründbar 92 -> Indiv. ohne path. Symptomatik -> kommen d. Anstaltsärzt*innen nie zu Gesicht: Aufschlüsse über Psychologie und Erblichkeit ("hereditäre Constitution") "reizbare SchwÄche" -> Neuralgien, Hysterie, Epilepsie, unspez. ... "Sonderlinge, Hypoch., cur. Indiv., com. Fig., - oder gar Genies" nicht "Irre", sondern allenfalls psych. AUff. Ind. - später als neurasthenische Opfer d. Zivilisation gegen Anstalten, welche (n. Konzept d. Einh.ps.) Irre heilen sollen, weil Einteilung heilbar/unheilbar = Fiktion G. schlägt Einteilung nach vorauss. Aufenthaltsdauer vor 93 weil je nach Schwere entweder eine Hospitalisierung oder höchstens Ambulanzbesuche Übergangszustände zw. Gesundheit/Kr., forens. dichotome Frage nicht eindeutig beantwortbar, weil auch bei Individuen Ausmaß u. Int. d. Störungen variieren -> Institutionen f. transiente Zust. Anstaltsleiter*innen gegen Versorgung in Nähe d. Pat. "große Klasse d. Bev., die auf ... ihr einziges Kapital, ihre geist. KrÄfte angew. sind", 94 v. a. Stadt - Gelehrte, Künstler*innen, Ärzt*innen, Beamte, Literat*innen ... Steigerung d. "Cerebr. Tätigkeit" -> GefÄhrdung Naturwissensch., Kunst, Industrie, "wahre Bildung" -> Rückgang d. Kriminalität (!), Bezwingung d. finsteren Materie d. menschl. Natur aber: erh. Lebenstempo, Jagd nach mater. Gütern -> "Verbreitung d. feineren, geist., leibl. Genüsse", "früher unbek. Leidenschaften" "halbrauschartiger Zustand v. Gehirnreizung" (KH-Risiken) "schwere org. Belastung" -> Ausbrüche psych. St., z. T. begl. krimin. Verh. 95 Natur zumindest pot. schädigend (bei entspr. Veranlagung) = Aufklärung:muss durch Bildung, Wissenschaft ... gezähmt werden Fortschrittsglaube (wie 92): neue Gruppe von Pat., die anfällig sind, aber nicht in Anstalten kommen (vorüberg. Sympt.) (20 Jahre später Neurastheniker*innen) bei Griesinger keine Wertung, keine ANwendung auf ges. Ziv., nur indiv. Path. Aber: neuropath. Disposition = Abweichung v. Normalbevölkerung 96 "4.3 Psychiatrisierung d. Alltagslebens - Schüle, Krafft-Ebbing, Magnan, Möbius" Ausweitung d. psychiatr. Blick auch auf Bev., die nicht in Anstalten kommt Rezeption d. (aufs indiv.) eingeengten Degenerationsbegriffs nach Griesinger auch in folgender Generation v. Ps. aber Ausweitung d. Degenerationsbegriffs: * Morel: E. = begrenzte nosol. Einheit neben anderen (aber häufiger) * Schüle, Krafft-Ebing: auf viele Kategorien ausgedehnt * Magnan (Schüler*in v. Morel): außer einigen wenigen KH-Bildern (Paranoia completa, progr. Paralyse, HOPS nach Trauma) alle ps. Störungen Ergebnis d. Deg. viele Formen von abweichendem Verhalten in Deg. eingegl.: Krafft-E. bereits 1860, späster (forens. Ps.) auch z. B. Zwangsstörung 97 sex. Normabweichungen als Entartung -> "Psychopathia sexualis" 1886 (K-E) Griesingers Prädisposition (Alter, Klima, Civ., ... s. o.) bei Schüle auf hered. St. reduziert bei Schüle neben "degen. Erblichk." auch "einfache Heredität" mit Möglichkeit der Besserung, degen. Formen -> bis Idiotismus, Sterilität Bei Magnan auch vorübergehende Zustände (syndromes episodiques) unter "Degen.", konkret = Zwangsstörungen, Homosex. u. andere geschl. Abw., Sucht, KriminalitÄt, Suizidalität 98 auch Gegner*innen von Vivisektion (Tiervers.) u. Vegetarier*innen als "erblich degen." klass. Möbius selbstkrit. über Ausdehnung/Gleichsetzung Deg. = erbl. Bel. postuliert Formen, bei denen keine Symptome ("Zufälle") mehr auftr. Aber: Grenzzustände f. forens. Ps. erfassbar, konzeptualisierbar Infragestellung von "Normalität" Möbius und Magnan: auch "Regeneration", bes. bei erw. F. wie ALkoholismus breitere AUslegung durch Konzept d. punktuellen Schwächen mit intakten F. -> weitgehende Anpassung an Alltag Disharmonie 99 Gelehrte, Beamte, Politiker*innen, Staatsmenschen: "aber" kann moralische Lücken zeigen, wunderliche Neigungen, überraschende Unregelmäßigkeiten i. d. Lebensf. -> 3 Klassen f. Entartungszust.: 1. Vorwiegen d. intellect. Entw. bei moral. Defect 2. Normale Moralität bei intell. Def. 3. Ausfallen oder mangelh. Entw. einzelner Fähigk. Ausweitung -> in Famile (fast) immer weitere Degenerierte vermeintlich biologische Stigmata auf viele Phänomene anwendbar/schwer widerlegbar (TODO: neue Hexenjagd?)