Karl Vass (Neurologie)
[18. 5. 2011]

= Multiple Sklerose und Geschlecht =

viele Frauen erkrankt -> viele Maenner als PflegerInnen (schlechtes Coping)

MS Kurzfassung:
* haeufigste neur. Erkr.  jungen Erwachsenenalters
* Oesterreich: ~ 12000 Pat. (150/100000, Inzidenz 3/100000/a)
* f:m = 2:1
* bunte neur. Symptomatik, 
* AI (!)

-> lange Erkrankungszeit, meist nicht Todesursache (fast normale Lebenserwartung, ~ 5 - 10 Jahre reduziert (statistisch: wenige sehr schwere Faelle sterben viel frueher?))

Verlaufsformen:
* rascher Verlauf einer Episode (rascher als Tumor, aber langsamer als Infarkt)
* Dauer eines Schubs Tage - Wochen
* Besserung meist spontan
* Schubabstand meist alle 1 - 2 Jahre (fuer ~ 10 a)
* spaeter keine Erholung mehr (sek. progredient) -> Einschraenkungen (Gehstrecke, Hilfsmittel, Rollstuhl, Sitzen, Bettlaegrigkeit)

primaer progredient (~ 15 %): von Anfang an progredienter Verlauf

Zerstoerung von Myelinscheiden/Axonen
nmr: Krankheitsentwicklung ("flare-ups" sichtbar)

EDSS-Werte  (Funktionsniveau)
* DSS 3 sichtbar (meist 15 a)
* DSS 6 zwei Hilfen (~ zus. 10, insg. 25 a)
* DSS 8 bettlaegrig (~ zus. 20 - 30 a zur Schwerstbehinderung, ~ insg. 50 a) 
* DSS 10 Tod durch MS

primaer progredient: < 10 Jahre bis DSS 3, danach keine schnellere Verschlechterung (ab DSS 5 - 6 aehnlicher Verlauf fuer prim. u. sek. progrediente Pfaelle)


Behandlung: 
# IFN-beta-1a/1b/GA (Basistherapie - haeufigste Behandlung)
# Natalizumab...
# Mitoxantron
# Cyclophosphamid (Eskalation)
Bei Schueben:
* Kortikosteroidpuls

== Genderaspekte MS ==
Genderaspekte MS:
* demographisch
* Erkrankungsaktivitaet
* Aetiologie? (AI!)
* therapeutische Aspekte (praktisch)
* spezielle Aspekte
* psychosoziale Aspekte (Pflege ...)

=== demographisch ===
* Grundrisiko: 1/600
* Kinder (1 betr. Elternteil): 1/200
* Geschwister: 1/40
* Kinder (2 betr. Elternteile): 1:17
* eineiige Zeillinge: 1:3

HLA-7 hoechster gen. RF

* Umweltfaktoren "Frequenz der Wasserklosetts" (?): Infektion in einem bestimmten Lebensabschnitt (Korrelation mit spaeterem Kontakt mit EBV -> Pfeiffersches Druesenfieber) -> fruehe Immunisierung der Kinder (Spielen/Leben mit etwas "Dreck") schuetzt partiell vor MS
* Vitamin D/Sonne (MS im Norden haeufiger) - Substitution Vit. D -> weniger MS? Theorie ...

selten MS ueber mehr als 3 Generationen, leichte Geschlechtsabhaengigkeit (m etwas haeufiger Uebertraeger?)

MS von Charcot ~ 1850 beschrieben (Ueberlieferungen seit Mittelalter, Adeliger in napoleonischen Zeiten ...)
seither Zunahme Praevalenz von 50 auf 100 - 150/100000 (Inzidenz 4 auf 6 - 7/1E5)
Geschlechterverhaeltnis seit 1950ern veraendert (damals 1:1, heite f:m ~= 2 - 3:1)
zunehmende Inzidenz -> f:m steigt an (m ~ gleich, f im Ansteigen)

Oestrogen/Kontrazeptiva? -> eher protektiv, ausser bei fruehen Praeparaten

anderer Zugang zu Gesundheit/Medizin? (f suchen rascher Behandlung)
Umweltfaktoren (Rauchen?)
f gutartigere Verlaeufe 
Rolle der Frau: Arbeit -> Krankheitserkennung

=== Erkrankungsaktivitaet ===

Verlauf: m erkranken spaeter, aber raschere Progression

=== Aetiologie? (AI!) ===
* Sexualhormone haben immunmodulierende Wirkung 
** P/E stimulieren TH2-Phaenotyp
** E supprimiert AG-spez. T-Zell-Antwort, Stimulation polykl. AK
** P induz. IL4/5
** Androgene: ind. IL10, red. B-Zell-Precursors, verm. Steroidantwort
* Microchimaerismus/X-Inaktivierung

=== therapeutische Aspekte (praktisch) ===

IFN, ...: saemtlich parenteral
fuer Schwangerschaft nicht zugelassen
relativ gute Vertraeglichkeit (bes. IFN/Glatiramerazetat)
grippeaehnliche Symptome (f geringere Masse -> evtl. etwas hoehere UAW)
Hautveraenderungen an Injektionsstelle
-> f: Kontrazeption mit Therapie empfehlen
IFN: Fruehaborte leicht erhoeht
evtl. Keimschaedigung
=== spezielle Aspekte ===

* Menstruationszyklus: Lutealphase - mehr aktive Laesionen (P:E Ratio), T-Spiegel bei Pat. ohne Laesionsaktivitaet hoeher
* Klinik: haeufigere Zunahme der Symptome vor Regel? (Patricia Coyle et al 2004)
* Kontrazeptiva/Hormonersatztherapie 
** MS trotz Beipackzettel keine KI!), aber auch kein sicherer Benefit in Bezug auf MS
** weniger zyklusbedingte Beschwerden
* Schwangerschaft: 
** keine KI (MS kein Einfluss auf Fertilitaet, Konzeption, Schwangerschaft)
** waehrend Schwangerschaft eher red. Erkrankungsaktivitaet 
** nach Entbindung Zunahme d. Erkrankungsakt.
** insgesamt keine Verschlechterung d. MS-Progression durch Schwangerschaft (Confavreux 2002)
** Schwangerschaft erhoeht nicht das Risiko, an MS zu erkranken

Vass: Berichte von MS-Patientinnen, die darunter litten, dass ihnen von Schwangerschaft abgeraten wurde

Sexualfunktionsstoerungen bei MS:
* 90 % haben nie mit AerztInnen ueber Sexualitaet gesprochen
* 70 % m, > 50 % f leiden sex. -> Lebensqualitaet
* Ursachen: MS-Laesionen, Symptome (Fatigue, Spastik), psychosoz.
* Therapie: m: PDE-5-Hemmer (Viagra, ...);  f: evtl. E, Met-T


=== psychosoziale Aspekte (Pflege ...) ===

chronische Erkr. -> Auswirkungen auf Leben
weniger Daten ueber geschlechtsspez. psychosoz. Fragen
Kinder: 
* haeufig Probleme mit MS d. Eltern (Toechter gehen besser damit um als Soehne)
* Kinder von betr. Muettern haben haeufiger Probleme, damit umzugehen

PartnerInnen:
* Frauen fuehlen sich als Pflegerinnen eher unterstuetzt, nutzen SHG/FreundInnen/Ressourcen besser/haeufiger als m
* viele Maenner kommen in die Rolle d. Pflegenden und werden damit schwer fertig

-> Psychotherapie

gelegentlich schwere Behinderung in jungen Jahren -> oft Beziehungsabbruch

m eher technische Loesungen (angepasste Autos - aber evtl unpassende Rollstuehle) ...
