Notizen zu Michel Foucault Die Geburt der Klinik Eine Archaeologie des aerztlichen Blicks Verlag S. Fischer Frankfurt a. Main, 7. Auflage 2005 (dt. Erstaufl.: 1973) Original: Naissance de la Clinique, 1963 118 Wahrscheinlichkeiten: Diese Arithmetik der Implikationen gilt fuer die therapeutischen Indikationen wie fuer die diagnostischen Zeichen. Ein Kranker, der Brulley konsultierte, wollte sich einen Stein enfernen lassen; fuer den Eingriff sprachen zwei "positve Wahrscheinlichkeiten": der gute Zustand der Harnblase, die geringe Groesse des Steines; aber ihnen standen vier negative Wahrscheinlichketien entgegen: "der Kranke ist 60 Jahre alt; er ist maennlichen Geschlechts; er hat ein galliges Temperament; er ist von einer Hautkrankheit befallen". Der Patient wollte aber diese einfache Arithmetik nicht verstehen; er hat die Operation nicht ueberlebt. 123F Z. -2 wiederlegt 139f ad Obduktionen in Nacht und Nebel: [...] "Bei Anbruch des Tages oder beim Hereinbrechen der Nacht eilte" Valsalva "verstohlen auf die Friedhoefe, um dort Prozesse des Lebens und der Zerstoerung genau zu studieren"; auch Morgagni sah man "im Grab der Toten wuehlen und sein Skalpell in die dem Sarg entrissenen Leichen stossen"[FN]. Dann kam die AUfklaerung; der Tod durfte ans Tageslicht und wurde fuer den philosophischen Geist Gegenstand und Quelle des Wissens: "Als das Licht der Philosophie bei den zivilisierten Voelkern Eingang fand, wurde es endlich moeglich, den forschenden Blick in die unbelebten Ueberreste des menschlichen Koerpers dringen zu lassen; was eben noch die wohlfeile Beute der Wuermer war, wurde zur fruchtbarsten Quelle der wertvollsten Wahrheiten."[FN] Welch wunderbare Wandlung widerfaehrt dem Kadaver: hat ihn ein dumpfer Respekt der Faeulnis, der dunkln Zersetzung anheimgegeben, so wird er nun in der gewagten Geste, die ihn gewaltsam ans Licht bringt, zur klarsten Figur der Wahrheit. Wo sich die Larve durchfrass, bahnt sich nun das Wissen seinen Weg. Diese historische Rekonstruktion ist falsch. Morgagni konnte in der Mitte des 18. Jahrunderts seine Obduktionen ohne Schwierigkeiten durchfuehren; dasselbe gilt fuer Hunter einige Jahre spaeter, die von seinem Biographen berichteten Konflikte sind Anekdoten und bezeugen keinen prinzipiellen Konflikt.[FN] Die Wiener Klinik verfuegt seit 1754 ueber einen Seziersaal und ebenso die von Tissot organisierte Klinik von Pavia. Desault hatte in Paris voellige Freiheit, "am toten Koerper die Veraenderungen aufzuzeigen, welche die Heilkunst ueberfluessig gemacht hatten". Man erinnere sich nur an den Artikel 25 des Dekretes von Marly: "Den Behoerden sowie den Direktoren der Spitaeler befehlen wir ausdruecklich, die Leichen den Professoren zu ueberlassen, damit diese die anatomischen Demonstrationen durchfuehren und die chirurgischen Operationen lehren koennen."[FN] Es gibt also keinen Mangel an Leichen im 18. Jahrhundert, es gibt keine geschaendeten Graeber und keine schwarzen Messen der Anatomie. Man seziert am hellichten Tag. Aufgrund einer im 19. Jahrhundert haeufigen und durch Michelet zu einem Muthos gewordenen Illusion hat die Historie das Ende des Ancien Regime in den Farben des Spaetmittelalters gemalt, hat sie die Debatten der Aufklaerung[im Orig. deutsch] mit den Konflikten der Renaissance verwechselt. 146 Alibert: Nomenklaturversuch (-ose mech. Veraenderung, -itis Entzuendung, -rhoe Erguss, ...) -> botanische Methode wie Sauvages 153 Bauhinsch Klappe == valvula ileocoecalis 157 Schlagfluss == Schlaganfall 165 Skirrhen (Mz. v. Skirrhus/scirrhus): besonders harter, bindegewebiger Tumor (im Gegensatz zum weichen, parenchymatoesen Carcinom) 173 Auskultation Laennec: Bruststimme (pectoriloquie) -> Schwindsucht (~= Lungenentzuendung?), "Ziegenstimme" -> Pleuraerguss 174 "Hepatisation" der Lunge 175 Bordeu (Aortenpuls? was ist Brustpuls?): Bruspuls [ist] weich, [die Pulsschlaege bilden] eine Wellenbewegung, "mit einer Leichtigkeit, einer Weichheit und einer sanften Schwingung, die diesen Puls von jedem anderen unterscheiden."[FN] 175 Corvisart (nach Auenbrugger): Abnahme d. Luftvolumens im Thorax bei Lungenleiden 176 Krankheit: Netz von Symptomen -> physiologische Betrachtungsweise ("zur Haelfte mit Wasser gefuellter Leichnam" bezueglich Auskultation) -> Obduktion hat einem "Netz von pathologisch-anatomischen Markierungspunkten" zu folgen 177 libido sciendi 177 Erfindung des Stethoskops durch Laennec: Die unmittelbare Auskultation ist "fuer den Arzt ebenso unangenehm wie fuer den Patienten; schon der Ekel macht sie in den Spitaelern praktisch undurchfuehrbar; bei den meisten Frauen ist sie kaum ratsam und bei einigen ist die Groesse der Brueste sogar ein phsysisches Hindernis. [...] Im Jahr 1816 wurde ich von einer jungen Person konsultiert, die Symptome einer Herzkrankheit aufwies und bei der das Beruehren und das Beklopfen wegen der Koerperfuelle kaum Resultate zeigen konnte; da mit Alter und Geschlecht der Patientin das Anlegen des Ohres an die Herzgegend verboten, erinnerte ich mich an ein sehr bekanntes akustisches Phaenomen: wenn man das Ohr an das Ende eines Stabes legt, hoert man ganz genau einen Nadelstich am anderen Ende."[FN]